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  • Antje Bek

Die Sprache des Himmels


Fotos: Privat


In den vergangenen Tagen, insbesondere um die Pfingsttage herum, waren an vielen Stellen in Deutschland beeindruckende Himmelserscheinungen zu sehen. Farbig strahlende Regenbögen spannten sich von der Erde zum Himmel und wieder auf die Erde zurück.


Die Taube, als Symbol für den Frieden, aber auch für den heiligen Geist, der sich an Pfingsten in die Häupter der Jünger des Christus gesenkt hat, wird in der Kunst auch in Zusammenhang mit dem Regenbogen dargestellt, so in Pablo Picassos Bild „Taube im Regenbogen“.


Die Taube und der Regenbogen tauchen bereits im Alten Testament auf. In der dritten Klasse hören die SchülerInnen der Waldorfschule diese Geschichte. Noah hatte in der Arche die Seinen und die Tiere vor der Sintflut gerettet. Nachdem sie auf dem Berge Arrat „gestrandet“ waren, ließ Noah Tauben ausfliegen, um zu erfahren, ob das Wasser wieder gesunken sei. Erst als eine ausgesandte Taube nicht mehr zurückkehrte, verließen alle die Arche. Dann schloss Gott einen Bund mit den Menschen, indem er versprach weder die Menschheit noch die Tiere jemals wieder in einer Sintflut zu vernichten. Und er mahnte Noah, dass sich die Menschen immer dann, wenn sie einen Regenbogen sehen, daran erinnern mögen, dass Gott einen Bund mit ihnen geschlossen habe. „Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.“[1]. Während des ersten Lockdowns konnte man in vielen Fenstern Regenbögen sehen, die von Kindern gezeichnet waren und worunter stand: „Alles wird gut“. Diese Hoffnung bezog sich auf die erwähnte Bibelstelle.


In der germanischen Mythologie, die den Kindern in der 4. Klasse der Waldorfschule erzählt wird, taucht der Regenbogen ebenfalls auf. Er wird dort von der Brücke Bifröst berichtet, die Regenbogenbrücke zwischen Midgard, dem Reich der Erde und Asgard, der Heimat der Asen, d.h. der Götter, die über diese Brücke nach Midgard gelangen konnten.


Auch Rudolf Steiner äußert sich zum Regenbogen als einer Verbindung zwischen der geistigen Welt (dem Himmel) und der Sinneswelt (Erde), er bezeichnet diese Himmelserscheinung als eine „mächtige Weltenimagination“[2]. „Denn, wenn er zauberhaft im Himmelsraum bei entsprechender Wolkengestaltung sich erlichtet, der majestätische Regenbogen, dann kann man so etwas empfinden, wie wenn hereinleuchten würden durch des Regenbogens Farbenschein die Geister von jenseits des physisch-sinnlichen Scheines. Er steht ja da, baut sich herauf, auf aus dem All, verschwindet wieder in das All, ist hineingestellt in dieses All wie eine mächtige Imagination.“[3]


Die Bewunderung, die ein Regenbogen in uns auslösen kann, das tiefe Empfinden von Ergriffenheit und Staunen ob dieser Himmelerscheinung, sie kann uns auch eine Brücke sein zum Erleben von etwas, für das der Regenbogen nicht nur ein Bild ist wie ein Gemälde, sondern ein Bild für eine geistige Realität, in diesem Sinne also eine Imagination ist. Die geistige Welt hat uns – gerade in dieser für viele Menschen so bedrängenden Zeit - nicht verlassen oder vergessen, sondern gerade zur Pfingstzeit hat sie zu uns gesprochen und uns mit vielen majestätischen Regenbögen beschenkt!







[1] 1. Moses 9, Vers 17 [2] Rudolf Steiner, GA 270b, S. 134 [3] Rudolf Steiner, GA 270b, S. 134 f.