• Antje Bek

Das Pfingstfest und die Menschheitsfamilie


Den schönen, im Titel des Beitrags erwähnten Begriff der "Menschheitsfamilie" hat der Historiker Daniele Ganser geprägt. Er ist inzwischen von vielen aufgegriffen worden und in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.


Dem Ideal einer solchen Gemeinschaft, einer Menschheitsfamilie scheinen Aussagen z.B. des anthroposophischen Arztes Thomas Külken gegenüber zu stehen, der davon spricht, dass es in dieser Zeit gerade um die Weiterentwicklung der Individualität, des „Ich“ geht[1] und diese Entwicklung aktuell besonders bedroht ist.


Menschheitsfamilie contra Individualisierung?

Wie passen diese beiden Begriffe zusammen: Menschheitsfamilie und Individualisierung? Sind das nicht Gegensätze, die sich im Grunde ausschließen? Müsste nicht die Individualisierung überwunden bzw. „abgeschafft“ werden, damit wir überhaupt zu einer Menschheitsfamilie werden können?


Die Beschäftigung mit dem Pfingstereignis, wie es vor über 2000 Jahren stattgefunden hat, und das bis heute gefeiert wird oder zumindest ein Feiertag ist, kann helfen sich dieser so aktuellen Fragestellung anzunähern.


Am Pfingsttag hatten sich die Jünger in einem Haus versammelt. Nachdem sie ein Brausen, einen kräftigen Wind in der Luft wahrgenommen hatten, erschien Feuer, das in einzelne Zungen aufgeteilt war, und es „setzte sich“ auf jeden von ihnen. Auf alten Abbildungen (s.o.) kann man dieses Geschehen in Form von Feuerflammen über den Köpfen der Jünger veranschaulicht sehen. Dann begann jeder Jünger aus dem Geiste heraus, der nun in ihm Wohnung genommen hatte, zu sprechen, jeder in seiner Art und sie wurden verstanden, unabhängig davon, welche Sprache die Zuhörenden selbst sprachen. Am Ende dieses Tages saßen schließlich alle „einmütig“ beieinander, wie es in manchen Bibelübersetzungen heißt.[2]


Ein neuer „Familienbegriff“

Wie können wir dieses Geschehen mit unserer aktuellen Zeit in Zusammenhang bringen? Wir haben im Pfingstgeschehen beides, die Individualisierung der einzelnen Seelen, zu erkennen an dem in die einzelnen "Feuerzungen" aufgespaltenen Geist, und die tiefe Einmütigkeit aller, die Erfahrung, die Erkenntnis eines sie alle verbindenden Geistes, die Zugehörigkeit zu einer großen Menschheitsfamilie.


Dies ist ein ganz neuer Begriff von „Familie“. Eine Familie, die nicht mehr auf Blutsverwandtschaft beruht, aber auch nicht mehr auf der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, einer bestimmten Ethnie oder anderen Gruppen. Der in diesem Sinne verstandenen „Menschheitsfamilie“ geht ein individueller Erkenntnisprozess voraus. Zur Menschheitsfamilie gehören per se alle Menschen, weil in uns allen ein Geist wohnt, der uns verbindet. Es steht jedoch in der Freiheit jedes Menschen, ob er dies (an)erkennt und sich i.d.S. dieser Familie zugehörig fühlen will und kann. Die Mitgliedschaft in dieser Familie ist also nicht durch Zwang möglich, sondern nur durch die Verbindung mit dem Geist der Liebe, dem Christus.


Die Verbindung mit diesem Geist kann nur in Freiheit errungen werden: Der eine Geist spaltete sich während des Pfingstereignisses in die verschiedenen Feuerflammen auf. Nun hatte und hat jeder Mensch die Möglichkeit sich im Innern ganz auf die ihm gemäße Weise diesem Geist zuzuwenden – ja, gerade das entspricht dem Wesen dieses Geistes, dass er nur individuell, im Herzen gefunden werden kann. Weil er sich individualisiert, äußert er sich dann ganz unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Die Jünger sprachen ein jeder ganz anders aus ihm heraus, und wurden dennoch von allen verstanden, weil seine Sprache eine universelle ist.


Individualisierung, Moralität und Freiheit

Was bedeutet es nun etwas konkreter gesprochen, sich individuell mit diesem Geist, zu verbinden? Das bedeutet u.a., dass es keine Moralität mehr gibt, die dem einzelnen vorgeschrieben werden kann. Gerade die Moralität, also wie wir uns dem anderen Menschen, den Tieren, den Pflanzen, der Erde, der geistigen Welt gegenüber aus unserem Innersten heraus verhalten, muss heute selbständig errungen werden – mit allen möglichen Verirrungen, die das zur Folge haben kann. Die nicht ausbleibenden Verirrungen, die wir bei anderen Menschen zu erkennen meinen, dürften jedoch wiederum nicht so wirken, dass wir dadurch zu der Überzeugung gelangen, eine Menschheitsfamilie könne etwa durch eine geforderte oder gar angeordnete „Solidarität“ begründet werden.


Die Jünger, die am Ende des Pfingstfestes einmütig zusammen saßen, waren nicht in eine neue Gemeinschaft gezwungen worden oder hatten sich ihr untergeordnet, sondern sie erlebten sie in aller Freiheit, aus ihrem Innersten heraus. Sie erlebten sie, weil nicht nur der Einzelne auf seine Weise die Verbindung mit dem Geiste eingegangen war, sondern weil sie erkannten, dass in allen der gleiche Geist wirkte! Auf diese Weise nahmen sie im anderen ihren Menschenbruder wahr.


Die jetzige Zeit kann so erlebt werden, dass sie uns ganz besonders zu einer individualisierten Moralität aufruft. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Menschen, die ihrer eigenen und nicht der „angesagten“ Moralität folgen, keine Schwierigkeiten im Leben hätten, im Gegenteil. Als ein Beispiel möchte ich hier den ehemaligen Leiter des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg (Bayern), Friedrich Pürner, nennen. Er ist während der Corona-Zeit seinem eigenen Gewissen gefolgt, was jedoch für ihn weitreichende Konsequenzen hatte und hat. Nach mehrfachen kritischen Äußerungen über die Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen wurde er schließlich strafversetzt. Er sagt heute: „Meine berufliche Karriere ist zu Ende. Und mir geht es nicht gut. Das sage ich ganz offen. Wenn Kritiker das amüsant finden, sollen sie ruhig lachen. Was man mit mir macht – es hat nie aufgehört – ist unanständig. Alles, was mir widerfahren ist, wirkt tief hinein in mein Privatleben. Aber den Preis dafür zahle ich, sogar gerne. Mir ist bewusst, dass dies wie ein Widerspruch klingt. Aber ich kann reinen Gewissens morgens in den Spiegel und abends in die Gesichter meiner Kinder blicken, ohne dass ich mir etwas vorwerfen muss. Ich bin niemandem böse, auch nicht hasserfüllt.“[3]


Pfingsten - Fest einer neuen Gemeinschaft

Das Pfingstfest kann als das Fest einer zukünftigen neuen Gemeinschaft verstanden werden, die hier auf der Erde durch die individuelle Verbindung jedes Einzelnen mit dem Christus-Geist, mit dem Geist der Liebe, entstehen und wachsen kann. Gerade dazu bietet die aktuelle Zeit – neben allem Bedrohlichen und Erschreckenden – eine besondere Gelegenheit.


[1] So u.a. bei seiner Rede am 15. Mai 2022 in Baden Baden, https://www.bitchute.com/video/AT5y8lTzw9lf/ [2] s. https://www.schlachterbibel.de/de/bibel/apostelgeschichte/2/ [3] https://demokratischerwiderstand.de/artikel/417/ich-wuerde-trotz-der-konsequenzen-alles-wieder-genauso-machen

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