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  • AutorenbildAntje Bek

Überwachungsstaat China?! Ein Erfahrungsbericht


QR-Code

Im April 2023 war ich nach China eingeladen, um in Peking mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines einjährigen Ausbildungskurses drei Wochen zum Thema „Waldorfpädagogik“ zu arbeiten. Von meinen Erfahrungen und Erlebnissen im fernen Osten werde ich mit einer kleine Reihe von Beiträgen berichten.



Erstaunte Blicke und Äußerungen, auch Befürchtungen, haben mich vor meiner Reise nach China begleitet. Da willst Du hinfliegen? Dort gibt es wirklich Waldorfschulen? Eine Waldorflehrerausbildung?


Unser Bild von China ist stark durch die Medien geprägt und es hat sich insbesondere während der Coronazeit sehr verfinstert. Davon nehme ich mich selbst gar nicht aus. Das Gefühl, China liege jenseits einer hohen Mauer, wie es damals die DDR tatsächlich tat, begleitete auch mich. Ich habe mich aber auch daran erinnert wie es war, als ich mit 18 Jahren zum ersten Mal in der DDR war: Meine durch die Medien geprägten Vorstellungen waren anders als die Realität, die ich damals mit den Menschen erlebt habe. Mit dieser Zuversicht habe ich mich schließlich auf den Weg nach China gemacht.


Visum und anderes zur Einreise

Das erste Etappenziel war ein Visum. Es war nicht viel Zeit, denn erst seit Mitte März 2023 sind die Grenzen nach China wieder für Ausländer geöffnet, Anfang April sollte ich schon im College in Peking einen dreiwöchigen Kurs zur Waldorfpädagogik geben. Mit etwas finanziellem Aufwand ließ sich die Visaerteilung auf wenige Tage beschleunigen, allerdings musste ich nach Frankfurt reisen, um dort in der chinesischen Botschaft meine Fingerabdrücke abzugeben. Die hatte ich ebenfalls in Deutschland zum Erhalt eines neuen Personalausweises bzw. Reisepasses abgeben müssen, eine Prozedur, die ich bislang eher mit „Verbrechen“ assoziiert hatte... Zur Einreise war dann noch eine Gesundheitserklärung notwendig, die einen QR-Code erzeugt, sowie ein PCR-Test, der sich nur noch am Frankfurter Flughafen machen ließ. (Seit 29. April reicht ein Selbsttest.)


Einreise nach China

Das Flugzeug war nur zu weniger als die Hälfte besetzt, zu 95% mit Chinesen, fast keine andere Nationalitäten. Bei der Einreise nach China musste man zuerst an einem Automaten Pass und Fingerabdrücke beider Hände abgeben. Daran hatte ich mich ja inzwischen gewöhnt... Allerdings funktionierte das bei mir – im Gegensatz zu den anderen ausländischen Passagieren - leider an allen Apparaten nicht. Irgendwann durfte ich dennoch weitergehen. Dann kam man an eine Schranke, wo der oben erwähnte QR-Code vorgelegt werden musste, die Schranke öffnete sich. Den PCR-Test wollte niemand sehen... Dann noch ein Formular ausfüllen und zum Grenzbeamten. Zum Glück funktionierte es dort mit meinen Fingerabdrücken... Ein Zettel wurde in den Pass gelegt, der später noch eine Rolle spielen sollte. Ich war damit beschäftigt nun meinen weiteren Weg zu finden und nach einer 10 minütigen Zugfahrt kam ich endlich beim Gepäckband an, wo mein Koffer recht einsam herumfuhr. Mit dem Koffer und meinem Handgepäck ging es nochmal durch eine Gepäck-Sicherheitskontrolle und dann hatte ich es endlich geschafft! Wie froh war ich, als ich dort von lieben Menschen in Empfang genommen wurde.


WeChat und Firewall

Es dauerte nicht lange, da begann ich mich zu wundern. Wenn wir Taxi fuhren (sehr günstig in China) oder essen gingen, sah ich nie, dass bezahlt wurde... Wie konnte das sein? Auf diese Weise lernte ich einen für Chinesen wichtigen Messenger kennen: WeChat. Ohne WeChat läuft nichts in China. WeChat hat ähnliche Funktionen wie Telegram oder Whatsapp, welche man allerdings in China nicht nutzen kann. Es gibt eine starke Firewall, die die bei uns bekannten Messenger (Whatsapp, Telegram, Signal) sperrt, außerdem ist Google gesperrt (Google Chrome konnte ich als Browser und Ecosia als Suchmaschine nutzen) und alles, was mit Google zusammenhängt. Auch Youtube, Netflix, Facebook etc. sowie z.B. interessanterweise auch Bod (Books on Demand) sind nicht zugänglich. Apple ist allerdings willkommen, viele Menschen haben Apple-Produkte, auch Safari kann man nutzen. Es gibt - illegale - Wege, um diese Sperren zu umgehen. So wie auch hier in Deutschland, wo "RT DE" (Russia Today Deutsch), ein russischer Sender in deutscher Sprache mit Beginn des Ukrainekrieges verboten wurde. Über Umwege (z.B. VPN) kann man dann aber doch noch auf die gewünschten Seiten gelangen.


Nun zurück zu WeChat. WeChat ist nicht nur ein Messenger, sondern über WeChatPay wird auch bezahlt. Dafür erhält man nach Registrierung einen entsprechenden QR-Code. Und dann schickt man einfach vom Handy aus direkt das Geld dem anderen, d.h. dessen QR-Code zu. Wenn ich es richtig verstanden habe so ähnlich wie bei Paypal, wenn man Freunden Geld sendet. Der andere hat das Geld jedenfalls sofort auf seinem Konto/Guthaben, das läuft nicht erst über die Bank. Bargeld wird fast gar nicht mehr benutzt, man kann aber z.B. im Lebensmittelladen noch mit Bargeld bezahlen, an anderen Orten aber nicht mehr, nur noch über QR-Code. So haben die Bettler in Peking ein Band um den Hals hängen, an dem ihr QR-Code befestigt ist, sodass man ihnen bargeldlos etwas geben kann, womit sie dann auch mehr anfangen können.


Das hört sich alles etwas seltsam an, andererseits ist auch praktisch. Jedoch sollte man wissen, dass die gesamte Kommunikation überwacht wird. Eine KI zensiert, d.h. löscht Nachrichten in WeChat, wenn entsprechende Wörter darin vorkommen. Wir kennen das allerdings auch aus Deutschland, wo Youtube-Kanäle, Facebook-Konten etc. ebenfalls überwacht, zensiert und bei „Bedarf“ gesperrt werden.


Durch WeChat und das Bezahlsystem ist immer verfolgbar, welches Taxi man wohin bestellt hat (läuft über ein so genanntes Miniprogramm von WeChat), wo man Essen war, wo man Eintrittsgelder für Sehenswürdigkeiten bezahlt hat etc. Andererseits muss ich sagen, dass ich mich dadurch auch sicher gefühlt habe, als ich alleine in einem Taxi gefahren bin. Diejenigen, die es für mich bestellt hatten, konnten immer sehen, wo das Taxi sich gerade befand und wann ich ungefähr da sein würde.


Überwachungskameras

Das andere ist, dass überall Überwachungskameras aufgestellt sind, auch auf dem Gelände der Waldorfschule, wo ich gewohnt habe. Das war dort nicht von Anfang an so. Eines Tages passierte aber ein Unfall auf dem Schulgelände und dann war die Frage nach den Aufzeichnungen der Überwachungskameras, um den Hergang aufzuklären. Die gab es damals allerdings noch nicht und so mussten sie installiert werden. Nach einer gewissen Zeit sollen die Aufnahmen wieder gelöscht werden. Und wie lebt es sich mit diesen Kameras? Man vergisst sie einfach... Dennoch kann man nicht sagen, dass sie wirkungslos sind. Die Kriminalität in China ist auch deswegen sehr gering. Aber vermutlich nicht nur deswegen.


So war ich etwa sehr erstaunt, dass in einem Laden, wo Waldorfspielzeug und andere Waldorf-Materialien verkauft wurden, niemand zu sehen war. Die einzige Verkäuferin hielt sich, wie ich später sah, in einem anderen Raum auf. Dasselbe habe ich auch in einem kleinen Lebensmittelladen erlebt. Das war für mich wirklich ungewohnt, da bin ich anderes gewöhnt, ohne dass es mir vorher so bewusst war. Und das, obwohl es auch hier in Deutschland reichlich Überwachungskameras gibt. So staunte ich z.B. vor kurzem nicht schlecht, dass nun in den hiesigen Parkhäusern das Auto-Kennzeichen erfasst wird... Wo man wann wie lange mit seinem Auto geparkt hat, ist auch in Deutschland kein Geheimnis mehr. Trotz oder wegen (?) der Überwachungskameras fühle ich mich hier in Deutschland aber irgendwie immer wie ein potentieller (Laden-)dieb. Nicht so in China, denn da klaut niemand etwas, wie man mir sagte, auch dort nicht, wo keine Überwachungskameras sind. So liegen etwa die Pakete, die in entsprechenden Shops - wie bei uns die DHL-Shops - angeliefert werden, ordentlich nebeneinander draußen auf der Straße und warten dort darauf abgeholt zu werden.


Fazit

Zusammenfassend: Ja, China ist ein Überwachungsstaat, der in mancher Hinsicht, z.Zt. jedenfalls noch, weiter geht als Deutschland, wobei mir die Unterschiede im Endeffekt gar nicht mehr so groß erscheinen. Wir werden den weiteren Ausbau der Überwachung in Deutschland nicht aufhalten können, dafür ist das entsprechende Bedürfnis des Staates inzwischen zu groß. Andererseits habe ich erlebt, dass es auch in einem Überwachungsstaat möglich ist, wunderbaren Menschen zu begegnen, ein lebenswertes Leben zu leben, sich weiter zu entwickeln und Ideale zu verfolgen.


Eine andere Frage, die selbstverständlich mit der Überwachung zusammenhängt, ist die nach den Gesetzen, deren Einhaltung und Umsetzung, was auch während der Corona-Zeit in China eine Rolle gespielt hat. Dazu in einem nächsten Beitrag mehr.


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