googleb870f7f9e20f2eee.html
top of page
  • AutorenbildAntje Bek

Geschlechtsidentität und kindliche Entwicklung

Menschenkundliche Gesichtspunkte zur Transgender-Frage




Welche Gesichtspunkte können wir aus einer auf der Anthroposophie begründeten Pädagogik für das Verständnis der Entwicklung der Geschlechtsidentität und damit verbunden auch für Fragen einer Transgender-Identität gewinnen? Wie können diese Gesichtspunkte hilfreich für den Umgang mit diesem Phänomen im Kindes- und Jugendalter werden?


Betrachten wir die Geschlechtsentwicklung vom physischen Gesichtspunkt aus, so ist unser Geschlecht durch unsere Chromosomen festgelegt, XX-Chromoso­men bedeuten ein weibliches Geschlecht, XY-Chromosomen ein männliches.1 Die Chromosomen bewirken die geschlechtliche Entwicklung im Mutterleib. Interessant ist, dass es während der Embryonalentwicklung einen Zeitraum von etwa sechs Wochen gibt, in dem äußerlich noch nicht eindeutig erkennbar ist, welche Geschlechtsmerkmale sich bei dem heranreifenden Kind ausbilden werden, angelegt sind zunächst beide. Nach diesem Zeitraum bildet sich die entgegengesetzte Geschlechtsanlage zurück.2 Darüber hinaus gibt es noch weibliche und männ­liche Hormone, die jedoch in unterschiedlicher „Mischung“ vorkommen können. So kann eine Frau relativ viele männliche Hormone haben, ein Mann relativ viele weibliche und umgekehrt. Wir können aus beiden Phänomenen erkennen, dass wir einerseits aus dem Anfangsstadium als „Mensch“ in zwei Geschlechter „weiblich-männlich“ geschieden werden, andererseits aber unser Leben lang, auch physisch, etwas vom anderen Geschlecht in uns tragen.


Geschlechtsidentität im Kindesalter

Das kleine Kind bis etwa zum 9./10. Lebensjahr lebt noch in einem anderen Verhältnis zu seiner Umgebung als wir Erwachsenen. Es fühlt sich noch „eins“ mit allem, es unterscheidet sich noch nicht bis in sein inneres Gefühlsleben von der Umgebung. So weiß es zwar schon vorher, dass es Jungen und Mädchen gibt, es weiß auch, ob es selbst (körperlich) ein Junge oder ein Mädchen ist, aber dieses ist – verglichen mit dem im 10. Lebensjahr und dann noch einmal verstärkt in der Pubertät erwachenden Geschlechtsbewusstsein – ein noch eher träumerisches Erleben. Erst mit dem so genannten „Rubikon-Erlebnis“ findet diesbezüglich ein tiefgreifender Wandel statt: Das Kind erlebt sich nun gefühlsmäßig von seiner Umgebung getrennt und lebt wesentlich stärker im Subjekt-Objekt-Bewusstsein als vorher. Hat die Umgebung das Bewusstsein für die Bedeutung und den Unterschied in der Geschlechtsidentität nicht schon in den frühen Jahren geweckt, so kann man in der dritten Klasse bemerken, dass dieses Bewusstsein bei den Kindern von selbst stark zunimmt. Man will das andere Geschlecht nicht mehr an die Hand nehmen, man möchte nicht mehr gerne neben dem anderen Geschlecht sitzen, man ist eher mit demselben Geschlecht befreundet und muss vielleicht mit Spott rechnen, wenn man eine Kinderfreundschaft aus früheren Jahren mit dem anderen Geschlecht fortsetzt.


Wechsel des Geschlechts von Inkarnation zu Inkarnation

Wie also kann man verstehen, wenn sich ein Kind bereits früh dahingehend äußert, dass es ein Junge sei, obwohl der physische Körper eindeutig weiblich ist? Als ein vorübergehendes Phänomen kann dies bei vielen Kindern beobachtet werden und benötigt dann keine besondere Aufmerksamkeit. Hält es jedoch an, stellen sich weitere Fragen. Ein gleichzeitig zunehmendes Phänomen ist, dass sich Kinder an vergangene Erdenleben erinnern können und dies, wenn die Umgebung dafür offen ist, auch äußern; sie berichten von entsprechenden Erfahrungen und Erlebnissen.


Wir wissen von Rudolf Steiner, dass wir innerhalb unserer Inkarnationsfolgen unser Geschlecht in der Regel wechseln, mit Ausnahmen von dieser Regel. Dies bedeutet auch, dass die Wahl eines männlichen oder weiblichen Körpers für eine Inkarnation durchaus karmische Hintergründe hat, und dass damit die Möglichkeit verbunden ist, spezielle Erfahrungen machen zu können.

Man kann sich deshalb die Frage stellen, ob sich nicht bei immer mehr Kindern, die Erinnerungen an die vergangene Inkarnation haben, selbst wenn sie nicht darüber sprechen, ein Gefühl der Irritation einstellt: Das Kind hat noch eine gefühlsmäßige Erinnerung an seine vergangene Inkarnation als Mann und ist nun irritiert, sich in einem weiblichen Körper wiederzufinden. Es äußert dann: Aber ich bin doch ein Junge! – Weil es sich eben (noch immer) so fühlt.

Deshalb sollte man über solche Äußerungen von Kindern nicht unbedingt erstaunt sein und auf jeden Fall bis zum so genannten „Rubikon“ im 10. Lebensjahr abwarten, ob sich die Einstellung des Kindes zu seinem Körper ändert. Denn dieser Entwicklungsschritt hängt mit einem stärkeren Irdisch-Werden („Vertreibung aus dem Paradies“) zusammen und damit auch mit dem Verblassen von Erinnerungen an vergangene Erdenleben und an das Leben in der geistigen Welt.


Transgender-Identität im Jugendalter

Nach dem 9./10. Lebensjahr beginnt bei den Mädchen die Vorpubertät, bei den Jungen tritt sie erst ein bis zwei Jahre später auf. Nun nimmt der Einfluss und die Bedeutung der Sexualhormone zu. Mit der eintretenden Geschlechtsreife verändert sich das Verhältnis der jungen Menschen zur Umgebung und zu sich selbst noch einmal radikal. Das jüngere Kind hat noch ein mehr „objektives“ Verhältnis zu seinem Körper, es nimmt ihn in der Regel zunächst so, wie er ist. Deutlich kann man das bei körperlichen Beeinträchtigungen beobachten. Die Kinder wissen schon, dass sie sich diesbezüglich von den anderen unterscheiden, aber für das Verhältnis zum eigenen Körper spielt das noch keine sehr große Rolle. Das wird eben in der Pubertät anders. Die jungen Menschen setzen sich nun nicht nur in ein sehr persönliches, subjektives Verhältnis zur Außenwelt, das jeder, der mit Jugendlichen in diesem Alter zu tun hat, an vielen Phänomenen beobachten kann. Sie setzen sich nun auch in ein subjektives, persönlich und individuell empfundenes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper, der aus dem Selbsterleben heraus jetzt auch wie „Außenwelt“ betrachtet wird. Die erwachende Urteilskraft bezieht sich daher nicht nur auf die äußere Welt, sondern auch auf den eigenen Körper.


Es ist nicht einfach, mit all den körperlichen Veränderungen umzugehen. Vor allem in der heutigen Zeit, in der einem das „Ideal“ eines weiblichen oder auch männlichen Körpers überall entgegenkommt. Eine Phase, in der man sich im eigenen Körper unwohl und unsicher fühlt, gehört zur Entwicklung dazu, einhergehend mit oft tief empfundenen Schamgefühlen. Nicht das Auftreten dieser Phänomene ist das eigentliche Problem, sondern die Frage: Was können wir den Jugendlichen anbieten, damit sie sich in ihrem veränderten Körper, der doch das Instrument für ihr weiteres Leben, auch für ihren Lebensplan ist, wohl fühlen können, dass sie gerne in ihm wohnen möchten? Diese Frage hängt eng mit der Frage zusammen, was wir überhaupt tun können, damit sie sich auf dieser Erde beheimaten können und wollen? Diese Fragen dürfen sich Pädagogen jedoch nicht erst im Jugendalter stellen, sie sollten uns schon in der Kita, im Kindergarten und mit dem Eintritt des Kindes in die Schule beschäftigen.


Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen

Dabei ist noch zu bemerken, dass das Verhältnis der Mädchen zu ihrem Körper ein anderes ist als das der Jungen. Es soll hier nicht behauptet werden, dass es bei allen Mädchen oder bei allen Jungen so ist, im Leben ist immer der Einzelfall zu betrachten. Bei den Mädchen ist das Verhältnis zum eigenen Körper stärker subjektiv geprägt als bei den Jungen. Mädchen beschäftigen sich in der Regel wesentlich stärker mit ihrem Aussehen als Jungen und versuchen es – z.B. durch Kleidung, Schminken – zu verändern. Selbstverständlich tun Jungen dies auch, indem sie etwa Krafttraining betreiben, um dem „Ideal“ eines männlichen Körpers näher zu kommen. Bei beiden Geschlechtern steigt die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper mit dem Alter an, Jungen sind jedoch durchschnittlich zufriedener mit ihrem Aussehen als Mädchen. Daher ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass der Anteil der Mädchen, die sich als Transgender, also dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, höher ist als der der Jungen. So lassen auch mehr Frauen eine Geschlechtsangleichung durchführen als Männer, d.h. sie lassen ihren physischen Körper dem als richtig empfundenen Geschlecht durch entsprechende hormonelle und operative Maßnahmen anpassen.3


Eine freie Entscheidung offen lassen

Äußert nun ein junger Mensch zu Beginn der Pubertät, dass er im falschen Körper steckt, dann sollte doch immer auch berücksichtigt werden, dass das Anfreunden mit dem eigenen Körper in diesem Alter eine generelle Aufgabe ist oder sein kann. Außerdem kann bedacht werden, dass ein Jugendlicher noch nicht in der Lage ist, aus einem freien Ich heraus Entscheidungen zu treffen, die hormonelle und körperliche Eingriffe betreffen. Das Gefühlsleben ist noch sehr schwankend, leicht beeinflussbar und kann erst im Laufe der Zeit immer stärker vom autonomen Ich ergriffen werden.


Wenn ein erwachsener, mündiger Mensch den Eindruck hat, dass ihm eine Geschlechtsangleichung helfen kann, sich zufriedener zu fühlen und sein Leben dadurch besser bewältigen zu können, dann ist das eine Frage, die er für sich selbst verantworten und von der er auch erwarten kann, dass sie von seiner Umgebung akzeptiert wird.


Derartige Eingriffe im Jugendalter vorzunehmen, sollten deshalb keine Selbstverständlichkeit sein, und sie sind es auch nicht. Es kann hilfreich sein, gemeinsam mit dem Jugendlichen nach Wegen zu suchen, die es ihm ohne derartige Eingriffe bis in das Erwachsenenalter hinein ermöglichen, mit der innerlich erlebten Diskrepanz, die durchaus ernst zu nehmen ist, umzugehen, damit ihm später eine wirklich freie Entscheidung offensteht.


Dieser Beitrag erschien zuerst im Online-Magazin erWACHSEN&WERDEN 02/24, Februar 2024


Literatur + Anmerkungen

1 Das Vorhandensein beider Geschlechter (Zwitter) ist ein sehr seltenes, aber vorhandenes Phänomen.

2 Näheres dazu s. Michaela Glöckler: Schule als Ort gesunder Entwicklung, Stuttgart 2020, S. 194 f.




Comentarios


Los comentarios se han desactivado.
bottom of page