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  • AutorenbildAntje Bek

Vom Formenzeichnen zur Menschenkunde

Warum es so wichtig ist, Formen zu fühlen





In dem Beitrag „Menschen- und Tierkunde..." wurde die Idee für eine Menschen- und Tierkundeepoche im 4. Schuljahr erläutert. In diesem Beitrag soll aufgezeigt werden, inwiefern das Formenzeichnen insbesondere auf die Menschenkunde des vierten Schuljahres vorbereitet, und welchen menschenkundlichen Hintergrund das Formenzeichnen selbst hat.


Im ersten Lehrerkurs, den Rudolf Steiner 1919 in Stuttgart für die zukünftigen Waldorflehrer hielt1, machte er einen Vorschlag für die erste Schulstunde, in dem viele Keime für den Pädagogen verborgen sind. Einer dieser Keime soll hier näher betrachtet werden. Zentrales Motiv dieser Schulstunde ist das Anzeichnen einer geraden und einer „krummen“ Linie an der Tafel. Beides wird dort zunächst vom Lehrer vorgezeichnet und anschließend von den Kindern nachgemacht. Diese erste Schulstunde bildet dann i.d.R. den Auftakt für eine sich anschließende ca. vierwöchige „Epoche“, in der die Kinder sich jeden Morgen mit (dem Zeichnen) von Formen beschäftigen. Welchen Sinn aber soll das Zeichnen von etwas so „Einfachem“ haben und warum beginnt damit die gesamte Schulzeit, wo die Kinder doch vermeintlich in die Schule kommen, um zunächst einmal Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen?



Förderung frei werdender Kräfte

Mit dem Zeichnen von Formen werden genau die Kräfte aufgegriffen, gefördert und gestärkt, die dem schulreifen Kind jetzt seelisch, also zum Lernen zur Verfügung stehen. Solche Kräfte benötigen immer eine Anregung von außen, wenn sie nicht verkümmern sollen, selbst beim Erwachsenen, der aber deren Entwicklung in eigener Verantwortung und bewusst in die Hand nehmen kann. Je besser wir das „Freiwerden“ der zunächst im Aufbau des kindlichen Körpers tätigen Kräfte verstehen, umso bewusster können wir die Entwicklung der nun seelisch zur Verfügung stehenden Kräfte beim Kind fördern. Diese Förderung steht ganz in der Verantwortung der Pädagogen.


Formbildende Kräfte im 1. Jahrsiebt

Betrachten wir die Entwicklung des kindlichen Leibes in den ersten sieben Jahren, dann können wir eine deutliche Veränderung in der Größe wahrnehmen. Auch die äußere Form verändert sich in den Proportionen: Der Kopf erscheint beim Säugling dominierend, im Laufe der Entwicklung wachsen die Beine proportional am deutlichsten, sodass die Dominanz des Kopfes zurücktritt. Aber auch im Inneren des Leibes vollziehen sich bedeutsame Prozesse. Am deutlichsten treten sie mit dem Erscheinen der bleibenden Zähne in die äußere Sichtbarkeit.


Die Formen der inneren Organe, wie etwa der Niere und der Lunge, sind bei der Geburt zunächst sehr schlicht und nicht ausgereift. Dasselbe können wir auch an den Formen der Milchzähne erkennen. Die ersten sieben Jahre plastiziert das Kind – völlig unbewusst – seine Organe im Körper und seine bleibenden Zähne im Kiefer aus. Wenn dann die ersten bleibenden Zähne sichtbar werden, hat die Individualität des Kindes in den nun sehr differenziert ausgestalteten Formen der Zähne ihren Abdruck hinterlassen bzw. ihren Ausdruck gefunden. Die Zähne eines jeden Menschen sind so individuell, dass man sie sogar nutzen kann, um ihn sicher zu identifizieren.

Leben in der Welt der Formen


Die beschriebenen plastizierenden Kräfte werden jetzt nicht mehr für den Körper benötigt, dieser Prozess ist mit ca. 7 Jahren abgeschlossen, d.h. die Organe und Zähne haben ihre endgültige, ab diesem Zeitpunkt unveränderliche Form erhalten. Nun machen diese Kräfte eine Verwandlung, eine Metamorphose durch. So wie aus dem Wasser Wärme aufsteigt, wenn es zu Eis gefriert, so steigen die vorher im Leib (Wasser) vorhandenen Kräfte nun als seelische Kräfte (Wärme) auf. Woran können wir das bemerken? Das Kind entwickelt eine neue Fähigkeit. Zeichne ich ihm vor der Schulreife eine runde Form auf und frage, was das ist, wird es einen Gegenstand aus der Sinneswelt benennen: Die Sonne, ein Ball etc. Wenn es schulreif geworden ist, dann kann es sich innerlich eine Vorstellung von etwas bilden, was ihm nicht die Sinne geben, sondern das Denken. Es kann verstehen, was ein Kreis ist, ganz unabhängig von einer sinnlichen Erscheinung. Ich brauche dem Kind den Kreis dazu gar nicht sichtbar an die Tafel zu zeichnen, sondern z.B. einfach in die Luft. Da ist dann kein Kreis, sondern das Kind stellt ihn sich – nachdem es die Bewegung innerlich mitvollzogen hat – nur vor, das ist ein neu erwachtes Abstraktionsvermögen. Das Kind ist nun in der Lage mit den Kräften, die zunächst unbewusst in ihm tätig waren, selbst bewusst tätig zu werden. Es kann jetzt in die Welt der Formen eintauchen – ohne einen Bezug zu sinnlichen Erscheinungen. Daher ist es so sinnvoll, dem Kind genau das zu ermöglichen und die gezeichneten Formen nicht anschließend in der Sinneswelt aufsuchen zu lassen. Das Leben in der Welt der Formen ist das Leben in einer Welt, die eben nicht materiell ist, jedoch in der physischen Welt sichtbar und erlebbar gemacht werden kann.


Formen erleben und erfühlen

Im Formen-Zeichnen erlebt, erfühlt das Kind zunächst den Unterschied zwischen einer geraden Form und einer „krummen“/runden Form. Lässt man die Kinder beide Formen laufen, so wählt man bei der geraden den kürzesten, das heißt auch den einzig möglichen Weg zwischen zwei Punkten; bei einer runden Form gelangt man zwar auch von A nach B, kann aber unterschiedliche und unterschiedlich lange Wege nehmen.


Eine gerade Linie kann im Unendlichen anfangen, hinterlässt eine Spur auf der Tafel und setzt sich ins Unendliche fort; das etwa kann man die Kinder erleben lassen, indem man die entsprechende Bewegung an der Tafel vormacht.


Eine von oben nach unten gezogene gerade Linie lässt uns unsere innere Aufrichtekraft erleben, eine gebogene Linie erfordert beim Nachbilden durch den Körper Bewegung und Beweglichkeit.

Diese verschiedenen Qualitäten, die auch bei der Leib-Ausformung in den ersten sieben Jahren tätig waren, können die Kinder nun im Formenzeichnen erfahren, erfühlen und nachbilden, sich steigernd von der ersten bis zur dritten Klasse. 


Vertieftes Verständnis für die menschlichen Leibesformen

Für die Menschen- und Tierkunde im vierten Schuljahr können diese bis dahin geschulten Erlebnisfähigkeiten bzw. Empfindungen aufgegriffen und jetzt auf äußere Sinneserscheinungen angewendet werden. Das ermöglicht den Kindern ein wesentlich tieferes Verständnis für die Formen des menschlichen Leibes, als es ohne das vorangegangene Formenzeichnen möglich wäre. Das Betrachten der dominierenden menschlichen Leibes-Formen verbindet sich mit den Gefühlen und Bildern der ersten drei Schuljahre. Diese liegen wie ein Schatz in der Seele der Kinder, der nun gehoben werden kann. Sie haben die Qualitäten des Strahligen (gerade Linie) erlebt, und erkennen diese Qualitäten in der Form der Gliedmaßen wieder, denen wir einerseits in der Auseinandersetzung mit der irdischen Schwerkraft den aufrechten Gang verdanken (Beine), und mit denen wir andererseits in der Welt tätig werden können (Arme und Hände). Sie haben den Kreis oder auch die Kugel als eine in sich geschlossene Form erlebt, so wie es der Kopf ist. Durch die Sinnesorgane kommt ein Teil der Welt zwar in uns hinein, aber nach außen wird der Kopf nicht tätig, er ist und bleibt als Ab-Bild des Kosmos eine Welt für sich. Und dann haben wir – beim Säugling deutlich erkennbar – die schalenartige Form unseres Rumpfes, nach hinten abgeschlossen wie der Kopf, nach vorne für die Welt geöffnet. Hier spielt sich unser Fühlen ab, das so sehr mit unserem gesamten sozialen, zwischenmenschlichen Leben in Beziehung steht.


Wesenhaftes in der Natur erleben

Betrachten wir im vierten Schuljahr vor diesem Hintergrund mit den Kindern die Formen des menschlichen Leibes, dann können sie erleben, wie sehr die in der physischen Welt erscheinenden Formen ein Ausdruck von Wesenhaftem sind, wie sinn-voll die physische Welt gestaltet ist, wie in ihr Kräfte tätig sind, die wir immer tiefer verstehen lernen können. Auf dieser Grundlage können in den folgenden Schuljahren auch die Formen der Tiere, der Pflanzen, ja selbst der Gesteine wahrgenommen, empfunden und als Ausdruck von Wesenhaftem verstanden werden.


Literatur und Anmerkungen

1 Rudolf Steiner: Erziehungskunst. Methodisch-Di­daktisches. GA 294, Dornach 1990, S.95-110

2 Die Abbildung ist zu finden in Rudolf Steiners Ausführungen zur ersten Menschen- und Tierkunde; Rudolf Steiner: Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches. GA 294, Dornach 1990, S. 98


Dieser Beitrag erschien zuerst im Online-Magazin erWACHSEN&WERDEN 12/23, Dezember 2023

 




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