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  • AutorenbildAntje Bek

Begegnung auf Augenhöhe - Von der Scham über Erziehung zu sprechen







Zwölfter Vortrag vom 14. Oktober 1922[1]

Rudolf Steiner, Pädagogischer Jugendkurs[2]


Vorbemerkung: Vor hundert Jahren sprach Rudolf Steiner in Stuttgart vor jungen Menschen, die zum größten Teil mit der Anthroposophie nicht vertraut waren. Worüber er damals sprach, scheint heute aktueller und brennender denn je zu sein. Daher habe ich mich entschlossen, eine kleine Serie zu beginnen. Je Beitrag möchte ich in der entsprechenden Reihenfolge auf einen der dreizehn Vorträge Rudolf Steiners eingehen. Es werden jeweils nur ausgewählte Gesichtspunkte der Vorträge behandelt, die in mir besondere Resonanz gefunden haben. Mit ist durchaus bewusst, dass dadurch andere wesentliche Gesichtspunkte nicht berücksichtigt werden. Wenn sich Menschen angeregt fühlten, anschließend selbst den erwähnten Vortrag zu lesen, wäre es mir eine große Freude! Den Link zum Vortrag findet man unten.

„Richtig in der Erziehung werden wir erst wirken, wenn wir uns ein gewisses Schamgefühl aneignen werden, wenn wir uns schämen werden, über Erziehung überhaupt zu reden.“[3]

Rudolf Steiner


Im zwölften Vortrag des Jugendkurses beschreibt Rudolf Steiner, wie sich das Verhältnis von Mensch zu Mensch über Jahrtausende verwandelt hat und damit auch die Art und Weise, wie über Erziehung gedacht und gesprochen wurde. Er macht darauf aufmerksam, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der sich „Ich“ zu „Ich“ hüllenlos gegenüber steht. Er deutet zu Beginn des Vortrages an, dass dieses hüllenlose Gegenüberstehen etwas so Neues in der menschheitlichen Entwicklung ist, dass die Menschen damit zunächst schwer zurechtkommen werden. Rudolf Steiner hatte in seinen vorangegangenen Vorträgen immer wieder auf den großen Umschwung gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufmerksam gemacht: Die Entwicklung der Menschheit hat sich so vollzogen, dass die „Fensterläden“, die Tore zur geistigen Welt immer mehr verschlossen wurden. Nun sind wir aber in einem Zeitalter angelangt, in dem sich diese Tore wieder öffnen lassen, wenn wir sie öffnen, ganz in Freiheit, durch unsere eigene innere Aktivität. Rudolf Steiner betont, dass die damit verbundenen neuen Möglichkeiten der Begegnung von Mensch zu Mensch zunächst zu chaotischen Zustände führen wird, obwohl wir jetzt in einem Zeitalter leben, in dem uns das geistige Licht wieder leuchtet bzw. leuchten kann. Das Verhältnis von Mensch zu Mensch war früher wie „naturgegeben“, heute kann und muss es mit zunehmendem Bewusstsein ergriffen werden.


Erschreckte Augen

Wie können wir verstehen, was mit dem „hüllenlosen“ Gegenübertreten von „Ich“ zu „Ich“ gemeint ist? Noch im Mittelalter hatten die Menschen eine andere Wahrnehmung von einander, da erfuhr man schon durch die Gesten und Bewegungen des anderen etwas über ihn, man wusste unmittelbar, mit wem man es zu tun hatte, welchen Beruf, welche gesellschaftliche Stellung der andere inne hatte, das musste er einem nicht erst sagen. Man erlebte den anderen noch in seinem Menschsein, aber man erlebte ihn noch wie verhüllt, eingehüllt in das, was uns heute wie etwas Äußerliches erscheinen kann. Nachklänge dieser vergangenen Zeiten können wir noch erleben, wenn uns ein Mensch gegenübertritt, der sich in sein Prestige, seinen Besitztum, seine Funktion, seinen Verdienst oder seine gesellschaftliche Anerkennung zu verhüllen bemüht, für den diese äußerlichen „Merkmale“, dieser Schein das Wesentliche ist. Eine Tendenz in diese Richtung wird jeder sicherlich auch bei sich selbst entdecken können! Wenn diese Hüllen wegfallen, vor allem, wenn sie bei uns selbst wegfallen, wenn wir durch Schicksal, Krankheit, Alter usw. diese „Äußerlichkeiten“ nicht mehr aufrecht erhalten können, dann bekommen wir einen Schreck, denn dann ist die Frage: Wer bin ich eigentlich ohne all das? Ohne meinen Beruf? Ohne meine Aufgabe? Ohne meinen Besitz? Ohne meinen Posten? Da begegnen wir unserem eigenen hüllenlosen „Ich“. Einen Schreck können wir auch bekommen, wenn wir durch die Hüllen des anderen Menschen einen Blick auf dessen „Ich“ erhaschen können. Das hüllenlose Gegenübertreten von Mensch zu Mensch ist also zunächst einmal mit „erschreckten Augen“[4] verbunden - wie es Rudolf Steiner beschreibt. Und diese Art von „Schreck“ gab es früher in der Begegnung von Mensch zu Mensch nicht.



Gender-, Feminismus- und Rassismusfrage

Das hüllenlose sich Gegenüberstehen erfordert vom Menschen in der Begegnung mit dem anderen Menschen neue Fähigkeiten, um in ein der heutigen Zeit angemessenes Verhältnis von Ich zu Ich treten zu können. Diese Fähigkeiten werden sich jedoch erst im Laufe der Zeit herausbilden und wir werden daher zunächst – wie erwähnt - chaotische Zustände erleben. Der „Genderfrage“, der „Feminismusfrage“, der „Rassismusfrage“ etc. liegt im Grunde diese Frage zugrunde: Wie können wir uns von Ich zu Ich begegnen? Wie können wir uns begegnen ohne dass diese „Hüllen“, in die wir uns kleiden, eine trennende Rolle spielen oder für die Entfaltung unserer Individualität hinderlich werden? Wenn wir auf die genannten Merkmale reduziert werden, erleben wir das heute berechtigterweise als menschenunwürdig. Diese Frage soll allerdings durch die genannten Bewegungen so gelöst werden, dass gerade nicht nach dem „Ich“ und damit nach der Individualität gefragt wird, sondern indem man Menschen auch dort gleich machen will, wo sie nicht gleich sind.


Notwendig wäre doch die Förderung der Fähigkeit durch die Hüllen hindurch auf das Wesentliche des Menschen zu schauen – auch wenn uns das zunächst erschaudern lässt! Kinder bringen diese Fähigkeiten noch unbewusst mit, sie „durchschauen“ uns, ein Begriff, der eher negativ konnotiert ist, der aber gerade das meint, sie schauen durch unsere Hüllen hindurch – was nicht immer angenehm ist. Es bedeutet allerdings auch, dass wir im Umgang mit dem anderen Menschen eine neue Art von Verantwortung, von Moral entwickeln dürfen; denn wenn wir ihn „durchschauen“, könnte uns das zu Handlungen oder Äußerungen verleiten, die den anderen tief verletzen, erniedrigen, aber auch manipulieren können. Rudolf Steiner macht darauf aufmerksam, dass die Fähigkeit sich auf die genannte Weise hüllenlos gegenüberstehen und in ein rechtes Verhältnis setzen zu können durch die Erziehung vorbereitet werden muss!


Kinder suchen ein Verhältnis auf „Augenhöhe“

Nicht nur die Erwachsenen, auch Kinder suchen ein menschliches Verhältnis, „Sie wollen ein menschliches Verhältnis zu dem Lehrer haben.“[5] Ein menschliches Verhältnis zwischen Kind und Lehrer meint ein Verhältnis, das auf der Begegnung von Ich zu Ich beruht, aber dennoch ein anderes Verhältnis, als es Erwachsene zueinander haben (können). Im vorangegangenen Vortrag hatte Rudolf Steiner ausführlich erläutert was der jüngere Mensch im älteren Menschen sucht, eine „Art selbstverständliches Autoritätsverhältnis der Jungen zu den Alten“ ist nach seiner Auffassung heilsam für das Miteinander der Generationen[6]. Eine Begegnung von Ich zu Ich, heute spricht man so treffend von der „Begegnung auf Augenhöhe“[7], meint also nicht, dass wir alle gleich sind, sondern, dass wir uns der Unterschiede durchaus bewusst sind, ohne dass der eine Mensch deshalb mehr wert ist als der andere. Das bedeutet allerdings im Umkehrschluss auch nicht, dass das Kind den Lehrer als Autoritätsperson respektieren muss, weil er erwachsen und ein Lehrer ist, sondern dass das Kind die Freiheit hat den Menschen als Autoritätsperson anzuerkennen, der dies aus seinem eigenen Menschsein heraus für das Kind sein kann. Man darf sich fragen, ob die Respektlosigkeit der Schüler, über die zurecht von vielen Lehrern geklagt wird, nicht auch damit zusammenhängen könnte, dass die Kinder in den Erwachsenen nicht mehr die Menschen finden, die ihnen aufgrund ihres Menschseins Autorität sein könnten.


Erziehungsratgeber werden überflüssig werden

Diese Art der Begegnung von Mensch zu Mensch, auch in der Lehrer-Kind-Beziehung, bedeutet schließlich, dass es unmöglich ist allgemeine Anweisungen zu geben, wie man sich pädagogisch Kindern gegenüber zu verhalten hat. Jegliche Theorien in diese Richtung sind ein Hindernis für die wahre Begegnung mit dem Kind. Dadurch wird auch das oben angeführte Zitat verständlich, dass das Reden über Erziehung, vor allem, wenn allgemeine Handlungsanweisungen gegeben oder erwartet werden, ein leises Schamgefühl bewirken kann. Keine allgemeine Antwort kann für das individuelle Verhältnis zwischen Pädagoge und Kind die richtige sein, im besten Falle höchstens eine Anregung. Alles, was Rudolf Steiner selbst über allgemeine Erziehungsfragen gesagt hat, ist äußerst freilassend formuliert. Aufgefasst wurde es allerdings leider nicht immer so. Eine als Theorie oder Handlungsanweisung (Rezept) verstandene Waldorfpädagogik ist ebenso hinderlich für eine dem Wesen des Kindes gerecht werdende Begegnung zwischen Lehrer und Kind wie jede andere Pädagogik auch! Die von Rudolf Steiner gegebenen Grundlagen für eine zukünftige Pädagogik lassen uns den Menschen und die Entwicklung des Kindes besser verstehen, sie sind kein Erziehungsratgeber, diesbezüglich setzte er ganz auf den individuellen Menschen, der dem anderen, insbesondere dem Kind, vertieftes Verständnis entgegen bringt. Dadurch wird auch nachvollziehbar, warum er die pädagogische Konferenz einer Schule als deren Herzorgan betrachtet hat. Durch die (kollegiale) Beschäftigung mit einzelnen Kindern oder Klassen entsteht ein gemeinsames Feld der unerschöpflichen Forschung aus dem die heilsamen Intuitionen für das konkrete pädagogische Handeln erwachsen können.


Das, was wir heute benötigen, ist einerseits eine sich mehr und mehr vertiefende, eine immer bewusstere und erweiterte Menschenerkenntnis, zu der Rudolf Steiner u.a. mit dem ersten Lehrerkurs 1919 ein Tor geöffnet hat. Durch das Studium dieser Menschenkunde können wir die Kräfte in uns wiederfinden, die während unserer Kindheit in unserem Körper tätig waren. Unsere kindlichen, leiblichen Wachstumskräfte stehen uns seelisch unser ganzes Leben lang zur Verfügung, sie halten uns innerlich jung, wenn wir sie betätigen, sie haben mit dem Kind in uns zu tun, das stets lebendig, regsam und entwicklungsfähig geblieben ist. Wenn sich diese Kräfte zu ihrer vollen Wirksamkeit entfaltet haben, müssen wir auch nicht mehr über Lehrpläne, Stundenpläne, Zentralprüfungen, Abitur und Lehrerexamen sprechen. Dann werden wir nicht mehr darüber sprechen, was dem Kind wann als Stoff zu verabreichen ist, welches Lernziel es wann erreicht und welche Kompetenz es wann und wie entwickelt haben muss. Dann versetzen wir uns ganz aus unseren innersten Kräften heraus in das rechte Verhältnis zu ihnen. Noch sind wir als Menschheit allerdings nicht so weit, doch erste Schritte können wir bereits gehen. Daher zum Abschluss Worte Rudolf Steiners, die aufzeigen, dass er ein Mensch war, der mit den Realitäten des Lebens rechnete.


„Aber man muß ja unter Kultureinflüssen manches tun, worüber man sich schämen müßte. Die Zeit wird aber kommen, in der man nicht mehr über Erziehung zu reden braucht.“[8]


 

[1] Rudolf Steiner, Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation, Pädagogischer Jugendkurs, Dreizehn Vorträge, gehalten in Stuttgart vom 3. bis 15. Oktober 1922, GA 217, S. 170 – 183 [2] Rudolf Steiner, Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation, Pädagogischer Jugendkurs, Dreizehn Vorträge, gehalten in Stuttgart vom 3. bis 15. Oktober 1922, GA 217

[3] ebd., S. 179 [4] ebd., S. 177 [5] ebd., S. 181 [6] ebd. [7] Auf „Augenhöhe“ ist ein sehr passendes Bild für die Begegnung von „Ich“ zu „Ich“, denn gerade durch die Augen, durch den Blick begegnen wir dem Ich des anderen. So schauen wir weg, wenn wir uns schämen oder wenn uns jemand auf eine Weise anschaut, der das „Allerheiligste“ in uns nicht respektiert. Andererseits suchen wir geradezu den Blick des Menschen, mit dem wir uns innigst verbunden fühlen. [8] Rudolf Steiner, Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation, Pädagogischer Jugendkurs, Dreizehn Vorträge, gehalten in Stuttgart vom 3. bis 15. Oktober 1922, GA 217, S. 180


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