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  • Gunter Gebhard

„Lebendiges Denken“ - „Leibfreies Denken“ - eine Gedankenskizze



Ob die heute schon mögliche und sich sicher noch erweiternde Möglichkeit der technischen Manipulation des Denkens auf verschiedenen Wegen den gewünschten Erfolg habe kann, hängt stark davon ab, ob wir Menschen rein im Vorstellungsdenken verharren, oder bewusst ein lebendiges Denken entwickeln und anwenden. Das ist auch in hohem Maße eine pädagogische Frage, wie die Kinder und Jugendlichen das Denken lernen... Dem widmet sich die angehängte Gedankenskizze.


Eigentlich müsste diese Gedankenskizze ein längere Abhandlung sein, aber die Geschwindigkeit, mit der gewisse Entwicklungen stattfinden, macht es mir notwendig, jetzt diese kürzere Form zu suchen.

Angriffe auf Kinder und Jugendliche

Wir durchleben im Moment eine Zeit, die zeigt, wie massiv das Menschsein von verschiedensten Seiten angegriffen wird. Dabei sind es ganz besonders die Kinder und Jugendlichen, denn diese sind es, die das Potential haben, das Ruder in Zukunft herum zu reißen; und das soll möglichst nicht geschehen. Wenn die Erwachsenen von morgen keine Individualitäten mehr sein können, die aus eigenem Urteil und freien Handlungsentscheidungen die Welt gestalten, hätte der Kampf gegen die Menschlichkeit gesiegt.

Angriffe auf die Waldorfpädagogik - von außen und innen

Da ist es gerade die Waldorfpädagogik, die direkt oder indirekt angegriffen wird, von außen und von innen, weil eben gerade diese Pädagogik darauf ausgerichtet ist, urteilsfähige Menschen mit Mut zu freien Handlungsentscheidungen zu erziehen. Ein ganz wesentliches Element, das durch den Lehrer vermittelt werden sollte ist das „lebendige Denken“, ganz unabhängig vom Inhalt des Unterrichts. Wenn wir das Wort „lebendig“ konkret nehmen, dann handelt es sich um ein „ätherisches“ Denken, dieses ist nicht das Hirn-gebundene Denken mit dem physischen Leib, sondern ein „Leib-freies“ Denken. Letzterem stellt Rudolf Steiner immer wieder das Hirn-gebundene Denken als „totes“ Denken gegenüber.

Vorstellungsdenken = Gehirngebundenes Denken

Das Vorstellungsdenken ist an das Hirn gebunden und je reicher der Schatz an Vorstellungen im Laufe des Lebens geworden ist, umso weniger muss man in den wirklichen Denkprozess gehen, aus dem die Vorstellungen erst hervorgehen (Abgesehen von den Vorstellungsbildern, die durch die Sinneswahrnehmung geschaffen werden). Dieses Thema ist deshalb so brennend, weil einerseits ein immer größerer Teil der Menschen gar nicht mehr erlebt, dass es diese beiden Formen des Denkens gibt, weil eigentlich nur noch in Vorstellungen gedacht wird und andererseits, was das Zentrale ist, die Manipulation des an das Gehirn gebundenen Denkens technisch immer konkreter möglich wird und im Zuge des als „notwendigen Fortschritt“ propagierten Transhumanismus auch immer schneller in die Umsetzung gehen wird.

Denkprozess und Manipulierbarkeit

Das hätte (hat) aber zur Folge, dass Menschen, die den Denkprozess gar nicht mehr praktizieren und/oder ihn gar nicht mehr kennen, diesen Manipulationen vollständig ausgeliefert sind und das mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht einmal bemerken. Der Denkprozess ist nicht auf das Gehirn angewiesen, sondern das Gehirn ist dabei nur der Ort des Bewusstseins, an dem der Mensch erlebt (erleben kann, wenn er darauf achtet), dass er sich im Prozess des Denkens befindet. Dieser Prozess kann aber neuro-bio-technologisch nicht manipuliert werden, weil er nicht vom Nervensystem abhängig ist. (Weiter unten will ich das konkreter erläutern.)

Transhumanismus und Waldorfpädagogik

Um dem Treiben des Transhumanismus seitens der Waldorfpädagogik etwas entgegen zu stellen ist es nach meiner Einschätzung ein vor allem anderen vorrangiges Thema, das lebendige, nicht Hirn-gebundene Denken konsequent anzuwenden im Unterricht und auf das reine Vorstellungsdenken weitestgehend zu verzichten. Denn die Kinder haben einen ausgeprägten Gedankensinn, durch den nicht nur ein Gedanke in seinem Inhalt erfasst wird, sondern der Denkprozess wahrgenommen (und dann nachgeahmt und später selbst bewusst betätigt) werden kann. Das Vortragen von bereits geformten Vorstellungen bietet dem Gedankensinn nichts Wahrnehmbares an, auch wenn sie noch so brillant geboten werden. Da muss der Zuhörer (Schüler) aus den Worten selbst die Vorstellung bilden, ohne Denkprozess. (Eben so, wie es mit dem geschriebenen Wort auch ist, Bücher enthalten keine Gedanken, wenn wir diese nicht aus den gedruckten Worten selbst bilden.)

Selbsterfahrungen: Hirn-gebundenes und lebendiges Denken

Ein kurzer Blick auf die Selbsterfahrung, wie sich das Hirn-gebundene Denken vom lebendigen Denken unterscheidet:

Ich begegne etwas das mir zur Frage wird und ich suche eine Antwort darauf. Dazu gehe ich in meine Vorstellungswelt und suche Vorstellungsbilder die vielleicht auf eine Antwort hindeuten, kombiniere diese Bilder und formuliere mir daraus einen Gedanken. Das findet alles mit Hilfe des Gehirns im Kopf statt und der Gedanke, den ich formuliere, ist von mir selbst gemacht, er ist eine Interpretation, er ist zu meiner „Meinung“ geworden, eben zu „meinem“, das ich selbst gemacht habe. Das ist der klassische Hirn-gebundene Denkvorgang, den wir alle sehr gut kennen.

Ich kann aber auch anders vorgehen und dann ist auch das Erleben ein ganz anderes. Ich sitze vielleicht still da und vertiefe mich in die Frage und bewege sie. Beim Bewegen der Frage kommt es trotz wacher Konzentration zu keinerlei Formulierung und nach vielleicht einer halben Stunde beende ich das Bewegen der Frage ergebnislos, weil ich von der Denkanstrengung müde geworden bin. Es kann aber auch sein, dass es in dem Bewegen der Frage plötzlich wie heller wird und innerlich das Erlebnis da ist: „jetzt hab' ich es“. Ich kann noch nichts formulieren aber ich versuche das, was ich da in diesem konzentrierten Prozess des Bewegens der Frage erlebt, wahrgenommen habe in eine Vorstellung zu bringen. Wenn das gelingt, kann ich versuchen die Vorstellung in Worte zu übersetzen, was zunächst nicht leicht ist, weil diese Vorstellung zunächst noch wortlos ist.

Es handelt sich hier um eine Denkvorgang ohne Sprache! In meiner Seele gehe ich in den Denkprozess und mein Kopf vermittelt mir nur die bewusste Sicherheit, dass ich in diesem Prozess bin. Der Moment des Heller-Werdens, oder des „Gedankenblitzes“ ist ein Wahrnehmungsprozess. Das Denken ist hier eine willentliche Tätigkeit der Seele, die mir ein Sinnesorgan bildet, mit dem ich in die Welt der Ideen und Gedanken sehen kann und wenn ich das Lichterlebnis habe, „sehe“ ich im Denken einen Gedanken, mache ihn zur Vorstellung und versuche ihn zu formulieren. Diesen Gedanken habe ich aber nicht selbst gebildet (wie aus den Vorstellungen), sondern ich habe ihn wahrgenommen. Das Ergebnis ist deshalb auch keine Meinung sondern ein wahrgenommener Gedanke. Ob der letztendlich formulierte Gedanke einer Wahrheit entspricht hängt von vielem ab: habe ich den Denkprozess im richtigen Moment beendet und bin zur Vorstellungsbildung (jetzt im Gehirn) übergegangen? Habe ich den Gedanken deutlich genug wahrgenommen? Ist die Vorstellungsbildung exakt vorgegangen, oder haben sich da Wünsche, wie die Antwort aussehen soll eingeschlichen? Habe ich die richtigen Worte gefunden, um die Vorstellung zu vermitteln? Das sind alles Dinge, die ich dann in mir prüfen muss! Aber das, was mit Sicherheit der Fall ist, ist die Tatsache, dass ich einen Gedanken wahrgenommen habe, anstatt ihn selbst zu bilden. Es ist bei genauer Selbstbeobachtung das gleiche, wie beim Wahrnehmen irgend eines Gegenstandes: dadurch, dass sich mein Blick auf den Gegenstand richtet kann ich mir eine Vorstellung von dem Gegenstand bilden, aber ich werde nie das Gefühl haben, weil der Gegenstand in meiner Vorstellung ist, hätte ich diesen auch gebildet!

Also kurz formuliert: Im Hirn-gebundenen Vorstellungsdenken bilde ich den Gedanken selbst. Im lebendigen Denken nehme ich Gedanken wahr, wie einen Gedanken-Gegenstand. Im ersten Fall sind Denken und Gedanke nahezu das gleiche; im zweiten Fall ist Denken ein Prozess in meiner Seele und der Gedanke eine Wahrnehmung im Geistigen. (Da kann man nicht mehr „stolz auf seine Gedanken sein“ sondern man ist dankbar, den Gedanken wahrgenommen zu haben.)

Beide Formen des Denkens sind Vorgänge in der Seele, die mit Hilfe des vom physischen Leib emanzipierten Ätherleibes geschehen, aber im einen Fall im Kopf gebunden an das physische Organ Gehirn und im anderen Fall ohne Beziehung zum physischen Leib im Ätherleib.

Gegengewicht zum Transhumanismus

Die ganze manipulierende Technologie, die im Transhumanismus zum Einsatz kommt oder kommen soll, fußt auf einem materialistischen Weltbild und greift deshalb auch nur am physischen Leib des Menschen an, sprich am Gehirn. Üben wir uns, besonders als Lehrer, aber auch für uns selbst, im lebendigen Denken in der geschilderten Weise, dann können wir den Kindern und uns selbst ein inneres Gegengewicht schaffen, das uns trotz Manipulation, die sicher kommen (beziehungsweise zunehmen) wird, eigenständig und frei denken lässt!

Rudolf Steiner: Geistig-Seelisches von den Ketten des Gehirns losreißen

In diesem Zusammenhang hier noch eines von vielen möglichen Zitaten Rudolf Steiners:

„Das ist nur eine Spezialwahrheit dessen, was ich an früherer Stelle gesagt habe. Der Materialismus ist nur darauf gekommen, dass in demjenigen Denken, welches in

unserem Kulturzeitraum, namentlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, im Abendlande üblich geworden ist, das Gehirn denkt. Und was Moleschotty Büchner und der dicke Vogt behauptet haben als Materialismus, das ist nicht einfach damit widerlegt, dass man sagt, das ist falsch, sondern das ist richtig für die Menschheit, die sich immer mehr und mehr, namentlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, zum bloßen Materialismus hinwendet. Es ist einfach der abendländische Mensch auf dem Wege, ein Wesen zu werden, das nur noch mit dem physischen Gehirn denkt. Die Propheten dieses physischen Gehirndenkens, Moleschott, Büchner, haben nur verkündet, was aus dem abendländischen Menschen wird. So dass die Materialisten Recht haben mit demjenigen, was sie für den abendländischen Menschen behaupten; es ist nur falsch, wenn sie es für den Menschen überhaupt behaupten. Was sie sagen, ist nur richtig für die Menschen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, aber für diese ist es richtig. Und die Menschen haben sich nun gewöhnt, bloß mit dem Gehirn zu denken; das ist die heute übliche Denkweise. Alles, was in unserer gewöhnlichen Literatur, in unserer ganzen modernen Wissenschaft liegt, ist materielles Denken, ist solches Denken. Da haben die Materialisten schon Recht, und man könnte sagen, dass Büchner, Vogt unkollegial gehandelt hätten gegen ihre materialistischen Kollegen, wenn sie ihnen nachgesagt hätten, dass sie mit dem Geist denken. Das ist ja nicht wahr; sie denken bloß mit dem Gehirn. Da gilt es nicht zu widerlegen, sondern anzuerkennen, dass tatsächlich der Weg zur Materialität nicht bloß eine falsche Weltanschauung ist, sondern etwas, was real wirkt. Deshalb aber sagen diese Menschen auch, wenn so etwas auftritt wie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft: Diese Gedanken kann man nicht fassen, die kann man nicht begreifen. - Ja, die wollen mit dem Gehirn denken; aber diese Gedanken der Geisteswissenschaft sind mit dem Geistig-Seelischen gedacht, das sich erst losgerissen hat vom Gehirn. Daher müssen die Menschen streben, dass sie durch die Gedanken, die so entstanden sind, selber wieder losreißen ihr Geistig-Seelisches vom Gehirn, indem sie diese Gedanken nachdenken. Die Menschen müssen sich bemühen, die Gedanken nachzudenken, die heute noch bestehende Möglichkeit zu benützen, das Geistig-Seelische loszureißen von dem Materiellen des Gehirns. Denn es ist auf dem Wege, sich an das Materielle des Gehirns zu ketten. Die Menschen müssen sich davon losreißen. Also wir haben es nicht mit einer falschen und richtigen Anschauung zu tun, sondern mit einem Vorgang. Indem die Gedanken der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft der Welt übergeben werden, rechnet man darauf, dass die Menschen, die noch fähig sind, die alten Möglichkeiten des Losreißens in sich zu handhaben, sie wirklich handhaben und die leibfreien Gedanken zu verstehen suchen, damit ihre Seelen leibfrei werden. Also es ist eine Willenssache, Anthroposophie zu verstehen; es ist etwas, was losreißen soll das Geistig-Seelische von dem Physisch-Leiblichen. Daher stehen wir nicht bloß vor der Aufgabe, eine falsche Weltanschauung zu widerlegen, sondern vor der Tatsache, dass ein großer Teil der Menschheit hineinsegeln will, bloß Materie zu werden und aus ihr heraus zu denken, zu wollen und zu empfinden, und dass wir der Welt als Realität übergeben wollen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, damit Geist und Seele losgerissen werden von der Materie. Die Menschen sollen vor der Möglichkeit bewahrt werden,

ihr Geistig-Seelisches zu verlieren, denn dieses Geistig-Seelische steht vor der Gefahr, ganz und gar in das Ahrimanische hineinzusegeln. Die Menschen stehen vor der Gefahr, das Geistig-Seelische zu verlieren und mit dem Materiellen sich zu verlieren als Menschen, wie ich es Ihnen früher schon geschildert habe, dass das Materielle verschwindet.

Also es handelt sich nicht um die Ersetzung einer alten Erkenntnis durch eine neue, sondern darum, Taterkenntnis zu gewinnen, durch welche die Seele bewahrt wird vor dem Hineinsegeln in die bloße Materialität, vor dem Hineinsegeln des Geistig- Seelischen – wodurch das Ich aufgehoben würde - in das Ahrimanische. Also nicht darum handelt es sich, den Materialismus zu widerlegen, sondern darum, die Menschheit zu bewahren davor, dass der Materialismus richtig werde; denn er ist auf dem Wege, eine Richtigkeit, nicht eine Falschheit zu sein. Wenn man von falschem Materialismus spricht, so spricht man heute gar nicht von dem, worauf es ankommt, sondern man muss sprechen davon, dass der Materialismus richtig und richtiger wird und heute in der Kultur mit jedem Tag immer richtiger und richtiger wird. Wir können es schon mit dem Beginn des 3. Jahrtausends erleben, dass die Menschheit sich so entwickelt haben wird, dass der Materialismus die richtige Anschauung ist. Nicht darum handelt es sich, den Materialismus zu widerlegen; denn er ist auf dem Marsche, richtig zu werden, sondern darum, ihn unrichtig zu machen, weil er auf dem Wege ist, eine Tatsache zu werden, weil er nicht eine falsche Theorie bloß ist.


Diese Dinge möchten jene Menschen verschweigen, welche es den Menschen möglichst bequem machen möchten, indem sie sagen: Seht nur die Falschheit des Materialismus ein! Wendet euch zu einer abstrakten Mystik hin, dann habt ihr alles! - Man kann sich einer solchen abstrakten Mystik hingeben; aber dadurch fördert man den realen Materialismus und nicht den Materialismus als bloße Theorie. Wir haben diesen Materialismus nicht zu überwinden, weil er falsch ist, durch das Wort, das Theorie bleibt, sondern weil er richtig ist und weil wir gerade bekämpfen müssen, dass er als Richtiges dasteht. Da bekommen die Dinge ein anderes Gesicht, da aber steht man in der Realität der geistigen Welt darin nicht mit Theorien, sondern mit einer Erkenntnis, die im kosmischen Zusammenhang eine Tat ist. Es ist den heutigen Menschen höchst unbequem, diese Dinge anzuhören, doch in diesem Licht müsste eigentlich alles betrachtet werden, was auch im einzelnen geschieht. Wahrhaftig, die alten Kampfmethoden sind verbraucht; alles das, was früher üblich sein konnte, ist verbraucht. Die Dinge müssen im geistigen Licht gesehen werden. (...) Noch immer sieht man dasjenige, was man mit solch einer Waldorfschule eigentlich meint, viel zu wenig im Lichte der Realität, viel zu wenig in dem Sinn, den ich eben jetzt charakterisieren wollte. Wahrhaftig nicht, um Ihre Herzen zu rühren und wahrhaftig nicht, um auch noch ein wenig zu werben, sondern um das zu sagen, was heute gesagt werden muss, weil die Menschheit es wissen muss, spreche ich hier die Dinge aus, die ich heute ausgesprochen habe. Und man möchte nur wünschen, dass die Möglichkeit herbeigeführt würde, wirklich einmal diese Dinge vor einer genügend großen Anzahl von Menschen aussprechen zu können, so dass diese Menschen die innerliche Impulsivität haben, Worte als Realitäten zu nehmen und nicht bloß sie anzuhören und zu glauben, es seien Theorien gemeint.“

Aus GA 197, 7. Vortrag, Stuttgart, 30. Juli 1920 (Hervorhebungen vom Autor)

Erfahrungen als Lehrer

Und zum Schluss noch etwas aus meiner eigenen praktische Erfahrung mit dem Denken als Lehrer. Üblicherweise bereiten wir uns als Lehrer ja so vor, dass wir am Abend vor dem Unterricht planen, wie wir den Unterricht am nächsten Tag machen. Und dann machen wir am nächsten Tag, was wir geplant haben. Aber das interessanteste für den Schüler haben wir am Abend gemacht, denn da haben wir wenigstens teilweise lebendig gedacht, beim Planen. Aber wenn die Schüler dann hören, was ich gestern geplant hatte, dann erleben sie nur Vorstellungen und kein lebendiges Denken. Deshalb habe ich mich irgendwann dazu entschieden, mich nur noch so vorzubereiten, dass ich genau weiß worum es gehen soll, aber nicht wie ich durch den Unterricht führe; so habe ich mich gezwungen ganz aus der Situation mit den Schülern dennoch einen sinnvollen Unterricht zu geben. Und das Beglückende was, dass das geht! Dass man genau den in diesem Moment nötigen Gedanken sieht (nicht eine Vorstellung erinnert), man darf sich darauf verlassen (auf die „Hilfe von oben“); aber auch die andere Erfahrung habe ich gemacht, ich darf in keinem Fall die Erwartung habe, dass es geht (eine schöne Gelassenheit-Übung...). Einmal begonnen hat sich dann noch Weiteres ergeben, was mit dem lebendigen Denken zusammenhängt, aber das würde hier zu weit führen. Aus Interesse habe ich auch einmal einen Unterricht (in der Oberstufe) ganz aus der Vorstellung gehalten und nach 20 Minuten hatte ich Disziplinprobleme (weil die Schüler ermüdeten, da sie aus meinen Worten selbst Gedanken bilden mussten) und bei einem Unterricht mit viel Lebendigen Denken war ein konzentriertes Arbeiten an einem Thema bis zu 40 Minuten möglich (weil das Wahrnehmen von Gedanken nicht so ermüdet).

Im Sinne einer lebendigen und gesunden Zukunft für und später durch unsere Kinder, für das Menschsein auf unserer Erde, möchte ich alle mit der Waldorfpädagogik befassten eindringlich bitten, sich immer bewusster um ein wirklich lebendiges Denken zu bemühen! Denn oftmals wird lebendiges Denken mit „spannendem Erzählen“ oder „interessanten Inhalten“ verwechselt.

Gunter Gebhard, Samurskaja, den 27. November 2022


Gunter Gebhard ist Naturwissenschaftler (Chemie, Biologie, Geologie) und Lehrer mit Interesse für die Begegnung von Mensch zu Mensch. Seit mehr als 20 Jahren als freischaffender Pädagoge in Russland tätig, vorher Lehrer an der Waldorfschule in Deutschland.

 

Foto: Finde Zukunft / Unsplash

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