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  • Dr. med. Karin Michael, Dr. med. Christoph Meinecke

Kinder und Corona

Grundlagen zur Aktion "Hier darf ich sein“ der Arbeitsgruppe Schwangerschaft, Geburt, frühe Kindheit der Medizinischen und Pädagogischen Sektion am Goetheanum




Christoph Meinecke, Karin Michael Letzte Aktualisierung: 29.03.2021

Foto: Robert Collins on Unsplash


Viele Eltern, Großeltern, Erzieher und Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Ärzte und Ärztinnen fragen sich, welche Auswirkungen die aktuelle Pandemie auf die Gesundheit der Kinder hat.


Hier wollen wir darstellen, warum es gerade jetzt wichtig ist, sich auf die Grundbedürfnisse von Kindern zu konzentrieren, die jederzeit und unabhängig von einer Pandemie bestehen, und deren Erfüllung Voraussetzung für eine gesunde und gelingende Kindheit ist. Indem wir erkennen, woran viele Kinder unter der Pandemie leiden und warum aber einige unter der Pandemie aufblühen und gesunden, verstehen wir besser, was unsere Kinder vor allem heute brauchen. Und das müssen wir ihnen geben, damit sie zu gesunden, befähigten, gebildeten und tatkräftigen Menschen heranwachsen können.


Kinder und Corona

Derzeit können wir nicht davon ausgehen, dass Kinder die Treiber der Pandemie sind. Dies geht aus den Stellungnahmen des deutschen Robert Koch-Instituts (1) und verschiedensten anderen Publikationen hervor. Die Infektiosität scheint mit dem Alter zuzunehmen und ab etwa 12 Jahren derjenigen der Erwachsenen zu entsprechen. Am niedrigsten ist sie bei Kleinkindern in den ersten drei Lebensjahren (2). Das gleiche gilt für die Empfänglichkeit. Zwar weisen Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher eine zwei- bis vierfach erhöhte Rate an Krankmeldungen wegen COVID-19 gegenüber der Normalbevölkerung auf, doch unterscheidet sie das nicht von anderen Berufen, die mit engen sozialen Kontakten unvermeidbar verbunden sind, wie andere pädagogische, medizinische, therapeutische und pflegerische Tätigkeitsfelder. Gleichzeitig ist der Anteil der Erwachsenen, der zu Infektionsausbrüchen in Schulen geführt hat, deutlich höher als derjenige der Kinder (2). Die Infektionen gehen also nicht primär von Kindern und Schülern aus (3). Die deutsche S3-Leitlinie „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen“ berücksichtigt dies und empfiehlt niedrigschwellige Hygiene-Maßnahmen, welche die Öffnung und Offenhaltung von Schulen ausreichend gewährleisten können (4). Obwohl sich die Viruslast bei Kindern offensichtlich nicht von der bei Erwachsenen unterscheidet, ist der Krankheitsverlauf von COVID-19 bei Kindern in den allermeisten Fällen milde. Dies wird mit einer noch bestehenden möglichen Unreife des Immunsystems in Verbindung gebracht.

Die Hälfte der Infektionen im Kindesalter verlaufen symptomlos. Die andere Hälfte weist unspezifische Zeichen harmloser Luftwegsinfektionen auf. Gelegentlich kommt es zu Fieber und zu Magen-Darm-Beteiligung, sehr selten zu Atem- oder Sinnesstörungen. Ein Großteil der kindlichen Infektionen mit SARS-CoV-2 wird nicht erfasst. Studien weisen bis zu 6-fach höhere Zahlen an Kindern mit Nachweis von Antikörpern im Blut auf als gemeldete Fälle (5). Dies weist darauf hin, dass Kinder mit ihren vielen inapparenten Verläufen einen beträchtlichen Teil zur Etablierung einer Herdenimmunität beitragen könnten. Diese wird allgemein bei 60 – 70% gesehen, das heisst, dass die Pandemie beendet ist, wenn 60 – 70% aller Menschen Antikörper aufweisen. Ob dieser geschätzte Anteil für die neuen Virusvarianten ausreicht, ist noch ungewiss. Es gibt auch Stimmen, welche die Etablierung einer Herdenimmunität für unrealistisch halten. Begründet wird dies u. a. mit der Tatsache, dass sich das Virus in stetem Wandel befindet und wir es, ähnlich dem Grippevirus, in jeder neuen Saison, also jährlich, auch mit einer neuen SARS-CoV-2-Variante zu tun haben könnten (6). Unabhängig davon scheint eine einmal erworbene Immunkompetenz gegen SARS-CoV-2 zwar eine Folgeinfektion nicht sicher zu verhindern, doch die Ausprägung und den Schweregrad einer neuerlichen Infektion deutlich mindern zu können. Daher erscheint es für Kinder wünschenswert, die eigene Immunkompetenz auf natürlichem Weg zu erlangen und Impfungen ressourcenorientiert und gezielt den gefährdeten Bevölkerungsgruppen anzubieten.


Bedürfnisse der Kinder und ihr gegenwärtiger Gesundheitszustand

Um den Gesundheitszustand unserer Kinder und Jugendlichen ist schon seit längerem Sorge angebracht. Insbesondere die Zunahme von Allergien und Übergewicht sowie Lern- und Verhaltensstörungen sind auf eine zunehmend unnatürliche, einengende Lebensumgebung zurückzuführen, in der viele Kinder aufwachsen. Luftverschmutzung, Bewegungsmangel, Verstädterung, Reizüberflutung und Bildschirmmedien setzen den Kindern zu. Die täglich erforderlichen Bewegungszeiten von 1,5 – 3 Stunden und die von der WHO empfohlenen fünf Portionen Gemüse und Obst pro Tag werden den wenigsten Kindern zuteil. Naturerlebnisse, grüne Räume und ein fernschweifender Blick sind für viele Kinder unerreichbar. Zudem fußt das Leben der meisten Familien heute auf frühzeitiger institutioneller Betreuung mit entsprechend geringen Zeiten familiären Zusammenlebens. Die Grundbedürfnisse unserer Kinder nach gesunden und geregelten Lebensabläufen, nach freien Räumen für Spiel, Bewegung, Exploration und Forscherdrang sowie sicherer familiärer Bindung, welche Geborgenheit, liebevolles Interesse und Anerkennung schenkt, geraten immer weiter aus dem Blick. Nicht umsonst sagte der kürzlich verstorbene, vielbeachtete Schweizer Entwicklungspädiater Remo Largo schon 2017: „So kann es nicht mehr weiter gehen.“ (7) Er forderte mehr individuelle Entwicklungsräume für Kinder und generationsübergreifende Lebensgemeinschaften. „Wir sind nicht dafür gemacht, in einer anonymen Massengesellschaft zu leben. Wir brauchen eine stabile, tragfähige Lebensgemeinschaft um uns. Die Kleinfamilie genügt dafür nicht.“ (7) Kontaktbeschränkungen, wie sie in der gegenwärtigen Pandemie-Bekämpfung generationenübergreifend auferlegt werden, sind das Gegenteil von dem, was Kinder für ihre gesunde Entwicklung brauchen. Sie müssen so gering und kurz wie möglich gestaltet werden. Im gesamtgesellschaftlichen Diskurs müssen kindliche Bedürfnisse den gleichen Stellenwert haben wie die Auslastung von Intensivstationen oder altersbezogene Sterberaten.


Auswirkungen der Pandemie auf Kinder

Schon jetzt leiden Kinder und Jugendliche enorm unter den Maßnahmen der Pandemiebekämpfung. Defacto sind sie diejenigen, die durch die Maßnahmen am stärksten belastet, von der Krankheit aber am wenigsten direkt betroffen sind (8). Die Zunahme von seelischen und psychosomatischen Störungen unter der Pandemie ist nachgewiesen. So kam es bereits in der ersten Welle zu einem Anstieg von Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Niedergeschlagenheit, Nervosität, Gereiztheit und Schlafstörungen. Auch die von den Kindern selbsteingeschätzte Lebensqualität ging zurück. Zudem gaben 70 % aller befragten Kinder unter der ersten Welle an, durch die Corona-Krise erheblich belastet zu sein. Nach der zweiten Welle waren es über 80 % (9). Solcher Stress hat erhebliche negative Auswirkungen auf die lebenslange Gesundheit des Menschen. Er führt zu Immunsup­pression, Infektanfälligkeit, geringerer Impfwirkung, erhöhten Infektionskomplikationen, erhöhter Sterblichkeit, erhöhter Krankheitslast und kürzerer Lebenserwartung. Außerdem leiden Kinder unter der Pandemie verstärkt an Bewegungsmangel und Gewichtszunahme und aggressives Verhalten, Konzentrationsstörungen, Depression, Ängste, Panik und Waschzwänge nehmen deutlich zu. Wie bei der Infektion, so ist es auch bei den Pandemiemaßnahmen so, dass sozial schwächer gestellte Kinder besonders davon betroffen sind und stärker unter den Folgen leiden.


Was können wir tun? Was brauchen unsere Kinder und ihre Familien jetzt?

Vor allem vielleicht dieses: Ermutigung für die Eltern, Lebensfreude für die Kinder!

Ein Kind braucht die Gewissheit, dass seine Bedürfnisse Platz im Leben haben – räumlich und zeitlich (10). Es braucht Positivität, Bejahung, Anerkennung, Freude und Zuversicht. Es braucht das Miterleben der anderen, braucht schenkende und empfangende Aufmerksamkeit füreinander. Es braucht Humor und Leichtigkeit, braucht Bewegung, Natur, grüne Umgebung (11) und Luft zum Atmen, braucht Rhythmus und Verlässlichkeit, gesundes Essen und ungestörten Schlaf. Es braucht – bei widrigen äußeren Umständen, die ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit erfordern, umso mehr – Lebensmomente, in denen es spürt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein, hier bin ich sicher.“

Eltern profitieren am meisten von praktischen Hinweisen. Diese sind umso wirksamer, je niedrigschwelliger sie angesiedelt sind. Unserer Auffassung nach brauchen Eltern, Großeltern, Erzieher und Lehrer gerade jetzt die Ermutigung, dass es bei Kindern besonders darum geht, die gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemiemaßnahmen zu berücksichtigen.

Dies bedarf einer wesentlichen Änderung in der gesellschaftlichen Grundhaltung: Nicht Kinder bedrohen die Gesundheit der Erwachsenen, sondern die Maßnahmen bedrohen die Gesundheit unserer Kinder!

Dieses „Reframing“ (12) eröffnet die Möglichkeit, aus der eingetretenen Starre durch die bloße Befolgung der Infektionsschutzmaßnahmen heraus den Weg zu neuer Handlungsfähigkeit zu finden. Die reine Sorge um die Gesundheit der Kinder kann sich so, verbunden mit praktischen Hilfestellungen, in Vertrauen und Gewissheit wandeln, für Wohlergehen und Resilienzentwicklung der Kinder selbst aktiv werden zu können.

Dazu möchte die Aktion „Hier darf ich sein“ einen Beitrag leisten. Sie umfasst folgende Empfehlungen, die sich aus dem bisher dargelegten ergeben.


Was können wir für das Wohlergehen unserer Kinder gegenwärtig tun?

  • Kleinen Kindern verlässliche und unbeschwerte Entwicklungsräume geben.

  • Vertrauen und Kraft durch Wiederholungen und Rhythmus stärken.

  • Ängste wahrnehmen und überwinden!

  • Singen und tanzen!

  • Mehr Umarmungen, Wärme und Nähe verschenken!

  • Händewaschen als ein schönes Ritual und nicht als Beseitigung von Gefahren pflegen.

  • Danach ein „Goldtröpfchen“ Rosenöl einreiben und riechen.

  • Gemeinsam Sinnvolles tun: kochen, backen, putzen, aufräumen.

  • Die Kraft der Natur neu entdecken: - Im Freien sind wir freier. - Tiere können Kinderseelen heilen, fördern Bewegung, machen Freude. - Im Wald kann man durchatmen und wird gesund. - Blumen und Kresse sähen und wachsen sehen. - „Meine“ Orte, meinen Baum, meinen Bach finden, gibt Halt. - Eintauchen in intensives Spiel und Sinneswahrnehmung. - Mit Matsch, Sand und Wasser spielen. - Viel lachen. - Geschichten erzählen. - Kleine Abenteuer erleben. - Stockbrot backen. - Mutproben erleben und Widerstände überwinden.


Kinderschutz braucht starke, sichere, zukunftsorientierte Erwachsene!


Zu den Autoren:

Karin Michael und Christoph Meinecke sind Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin. Karin Michael ist am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und als Schulärztin tätig, Christoph Meinecke als Kinderarzt in Berlin.


Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf Anthromedics


Literaturverzeichnis 1 Robert Koch-Institut. Epidemiologischer Steckbrief zu SARS-CoV-2 und COVID-19. Stand: 18.03.2021. Verfügbar unter https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html (29.03.2021). 2 Robert Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin 13/2021. Verfügbar unter https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/13_21.pdf?__blob=publicationFile (29.03.2021). 3 Auch die Co-Ki Registerstudie in Deutschland konnte bisher keine Belege dafür finden, dass Kinder eine relevante Infektionsquelle für SARS-CoV-2 darstellen: Schwarz S, Jenetzky E, Krafft H, Maurer T, Steuber C, Reckert T, Fischbach T, Martin D. Corona bei Kindern: Die Co-Ki Studie. Relevanz von SARS-CoV-2 in der ambulanten pädiatrischen Versorgung in Deutschland. Monatsschrift Kinderheilkunde 2021;169:39–45. DOI: https://doi.org/10.1007/s00112-020-01050-3. [Crossref] 4 Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e.V. (DGEpi), Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e.V. (DGPI) (Hg). Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen - Lebende Leitlinie. AWMF-Registernummer 027-076 (Stand: 07.02.2021). 5 Hippich M, Holthaus L, Assfalg R, Lampasona V, Bonifacio E, Ziegler AG. A Public Health Antibody Screening Indicates a 6-Fold Higher SARS-CoV-2 Exposure Rate than Reported Cases in Children. Clinical Advances 2021;2(2):149-163. DOI: https://doi.org/10.1016/j.medj.2020.10.003. [Crossref] 6 Aschwanden C. Five reasons why COVID herd immunity is probably impossible. Nature 2021;591: 520-522. DOI: https://doi.org/10.1038/d41586-021-00728-2. [Crossref] 7 Remo Largo im Interview, Luzerner Zeitung online vom 29.05.2017. Verfügbar unter https://www.luzernerzeitung.ch/schweiz/remo-largo-beruhmtester-schweizer-kinderarzt-so-kann-es-nicht-mehr-weitergehen-ld.82817. 8 Darauf wies auch ein Oberarzt der Kinderklinik Olgahospital in Stuttgart (DE) in der deutschen Fernsehsendung ZDF-Extra am 22.03.2021 hin. 9 Ravens-Sieberer U, Kaman A, Otto C, Adedeji A, Devine J, Erhart M, Napp AK, Becker M, Blanck-Stellmacher U, Löffler C, Schlack R, Hurrelmann K. Psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie – Ergebnisse der COPSY-Studie. Deutsches Ärzteblatt Int 2020;117(48):828-829. DOI: https://doi.org/10.3238/arztebl.2020.0828. [Crossref] 10 Remo Largo nennt dies das Fit-Prinzip: Entspricht die Lebensumgebung den Bedürfnissen des heranwachsenden und sich entfalten wollenden Menschen? In seinem letzten Buch erweiterte er dieses Prinzip auf das ganze Leben des Menschen: Largo R. Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. 2. Aufl. Frankfurt: Fischer Taschenbuch; 2019. 11 Vgl. Flade A. Zurück zur Natur? – Erkenntnisse und Konzepte der Naturpsychologie. Berlin: Springer; 2018. 12 Reframing, übersetzt „neu rahmen“, ist ein methodischer Begriff aus der Systemischen Familientherapie. Er meint den Wechsel der Betrachtungsweise auf eine belastende Situation, um zu neuen Handlungsoptionen zu kommen.