GESUNDHEITSFÖRDERNDE UND HEILENDE MATHEMATIK

DIE BESONDERE ROLLE DES LEBENSSINNS

Auf die besondere Bedeutung des Lebenssinnes für die Mathematik, der von Rudolf Steiner neben dem Bewegungs- und Gleichgewichtssinn erwähnt wird, sind wir in den bisherigen Beiträgen noch nicht explizit eingegangen. Meiner Erfahrung nach wird dieser Sinn – die Mathematik betreffend – bisher eher unterschätzt.
Wenn wir uns erinnern an Äußerungen von Menschen, die es schwer mit der Mathematik haben bzw. die im Zusammenhang mit Mathematik oder Mathematikunterricht „schlechte“ Erfahrungen gemacht haben, wird die Bedeutung des Lebenssinnes sehr deutlich. Sie fühlen sich schlecht, unwohl, gestresst und zeigen manchmal auch gesundheitliche Beeinträchtigungen. Zudem ist das Selbstwertgefühl deutlich betroffen, wenn man sich einfach für zu dumm (für Mathematik) hält. Andere fühlen sich durch die Mathematik eher gehoben in ihrem Gesamtempfinden, Freude und Gefühle von Glück oder Befriedigung stellen sich ein.
An dieser Stelle wollen wir einmal versuchen, diese Phänomene tiefer zu beleuchten, um daraus ein größeres Verständnis bzw. Bewusstsein für die Wirkung von Mathematikunterricht auf die Schüler zu entwickeln.
Das Kohärenzgefühl und Gesundheitsförderung
Bleiben wir zunächst auf der mathematischen Ebene: Wenn wir uns – z. B. in der Oberstufe – mit einer komplexeren Aufgabe, deren Lösung eine gewisse Zeit beansprucht, beschäftigt haben, dann ist es ein gutes Gefühl, wenn am Ende ein Ergebnis herauskommt, das richtig ist! Die Aufgabe ist „aufgegangen“, es ist einfach stimmig! Das Gefühl von „Stimmigkeit“ wird uns durch den Lebenssinn vermittelt.
Das gilt genauso für die Erst- und Zweitklässler. Wenn sie eine Aufgabe bekommen haben und konnten sie richtig lösen, dann stimmt es einfach. Ist das jedoch nicht der Fall, weil man entweder die Aufgabe nicht verstanden hat oder gar nicht weiß, wie man sie bewältigen soll, dann entsteht ein Gefühl von Ungenügen. Man kann den Eindruck haben vor einer Wand zu stehen, die einem den Blick auf das, was man eigentlich bewältigen, erkennen oder lösen sollte, verstellt.
Bei diesen Erlebnissen geht es nicht darum, dass man etwas nicht weiß, sondern dass man etwas nicht kann. Wie wir bereits gesehen haben, sind die mathematischen Fähigkeiten sehr stark mit uns, d. h. mit unserem eigenen Leib verbunden. Bei diesem „Nicht-Können“ kann daher innerlich das Erlebnis auftreten, dass man es doch eigentlich könnte, aber einfach nicht herankommt. Es betrifft Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene meiner Ansicht nach aus diesem Grund zutiefst persönlich, wenn sie das Gefühl haben Mathematik nicht zu können, ganz anders, als wenn sie es schwer haben Vokabeln zu lernen. Sie fühlen sich dumm und unzulänglich und werden häufig auch von außen so betrachtet. Ein Kind, das „gut“ in Mathematik ist, wird per se für intelligent gehalten!
Aus der „Gesundheitsforschung“, also der Salutogenese1, wissen wir, dass es drei Voraussetzungen gibt, damit Menschen ein Kohärenzgefühl entwickeln, womit das Vertrauen gemeint ist, das Leben mit seinen Anforderungen bewältigen zu können. Voraussetzungen dafür sind das Gefühl der Verstehbarkeit, der Handhabbarkeit und der Sinnhaftigkeit. Sind diese drei Empfindungen vorhanden, besteht ein starkes Kohärenzgefühl, was wiederum zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit auch in belastenden Situationen führt.
Folgen eines mangelnden Kohärenzgefühls
Ist ein Kind im Rechenunterricht nun ständig dem Gefühl ausgesetzt, dass es die gestellten Aufgaben nicht versteht, dass es sie nicht handhaben, also lösen kann und zudem den Sinn des Ganzen nicht begreift, führt das zu einer Beeinträchtigung bzw. einem Verlust des Kohärenzgefühls. Der Zusammenhang von Mathematik und dem Lebenssinn ist also nicht nur auf der rein mathematischen Ebene zu erkennen, sondern macht verständlich, warum Kinder auf Mathematik mit Bauch- oder Kopfschmerzen, Fieber oder anderen gesundheitlichen Beeinträchtigung reagieren können.
Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Mathematik-Epochen, d. h. vier Wochen lang jeden Morgen ca. 90 Minuten Mathematikunterricht, für Kinder, die es schwer mit Mathematik haben, eine besondere Herausforderung darstellen. Aus Berichten ehemaliger Waldorfschüler weiß ich, dass das gesamte Lebensgefühl für die Zeit dieser Epoche beeinträchtigt war und ein Ende herbeigesehnt wurde.2
Notwendigkeit von Differenzierung
Unterschiede in den mathematischen Kompetenzen wird es immer geben. Je besser es uns gelingt, die Kinder im Blick zu haben, ihre Schwierigkeiten zu verstehen und ihnen durch entsprechende Differenzierung das Gefühl zu vermitteln, dass sie Mathematik können, umso mehr tun wir etwas für die Gesundheit dieser Kinder!
Das gilt allerdings genauso für die Kinder, die besondere Herausforderungen im Mathematikunterricht benötigen, damit sich bei ihnen überhaupt das Empfinden einstellen kann: „Ich habe eine Herausforderung erlebt und bewältigt! Ich habe etwas gelernt.“ Leben sie durchgängig mit dem Eindruck: „Ach, das kann ich ja alles schon.“ langweilen sie sich. Dadurch verlieren auch sie das Erlebnis von „Sinnhaftigkeit“ und werden ebenfalls in ihrem Lebenssinn beeinträchtigt. Gerade im Mathematikunterricht stellt sich daher immer die Frage nach Differenzierung!
Gerade der Mathematikunterricht bietet besondere Möglichkeiten, die Lebenskräfte, die Lebensfreude und damit auch den Lebenssinn zu fördern, weil das Mathematisieren so sehr mit diesem Sinn verbunden ist! Je besser uns das gelingt, umso so mehr stärken wir die Schüler!
Mathematik und Heilung
Welche Bedeutung das Verhältnis zur Mathematik für die Zukunft der Kinder darüber hinaus noch haben kann, soll im Folgenden beleuchtet werden.
Wie erwähnt, hat Rudolf Steiner selbst die „menschliche“ Mathematik als „Abstraktion“ bezeichnet. Als eine solche wird sie von vielen Menschen erlebt, was – wie bereits beschrieben - bis zur tiefen Abneigung gegenüber der Mathematik führen kann. Im Hinblick auf die „menschliche“ Mathematik nach dem Zahnwechsel benutzt Rudolf Steiner zwar das Wort „abstrakt“, aber er bezeichnet sie als abstrakt im Vergleich zu der lebendigen und künstlerischen Tätigkeit, die der Kosmos, die die kosmischen Kräfte in unserer frühesten Kindheit in uns ausgeführt haben.
Doch gerade, weil wir so mit und in diesen Kräften gelebt haben, kann Mathematik auch ein Tor sein oder werden, um mit den kosmischen Kräften durch unsere Seelenkräfte wieder in Berührung zu kommen! Und dann wird Mathematik für uns gar nichts Abstraktes mehr bleiben, sondern – wie Rudolf Steiner Novalis zitiert – uns wie ein „großes, wunderbares Gedicht“ erscheinen!
Da es sich bei der Mathematik um innere, d. h. sinnlichkeitsfreie Vorstellungen handelt, wohnt ihr eine besondere Kraft inne. In einem Vortrag vom 5. August 1908 in Stuttgart macht Rudolf Steiner darauf aufmerksam.3 Er führt aus, dass bei bestimmten Krankheitsursachen, die aus dem Inneren des Menschen stammen (also kein Unfall o.ä.) bei zwei Menschen, die die gleiche Erkrankung haben, der eine nicht geheilt werden kann, der andere aber sehr wohl, weil er sich gerne mit mathematischen Vorstellungen beschäftigt. Damit ist nicht gemeint, dass die Mathematik ihn heilt, sondern dass er dadurch andere Voraussetzungen für die Heilung hat. Rudolf Steiner begründet es damit, dass von sinnlichkeitsfreien Vorstellungen ein ganz anderer Einfluss auf den Menschen ausgeübt wird als von sinnlichkeitserfüllten Vorstellungen.
„Denken Sie sich einmal den Unterschied zwischen einem Menschen, der die Mathematik hasst und einem, der sie liebt. Der eine sagt: Das alles soll ich mir denken? Ich kann aber nur das haben, was ich äußerlich mit meinen Sinnen anschauen kann!“4
Inzwischen ist für viele Menschen völlig selbstverständlich, dass die Art unserer Gedanken großen Einfluss auf unseren Gesundheitszustand hat. Das ist zudem Kern der bereits erwähnten Salutogenese-Forschung. Es gibt inzwischen eine Reihe von Studien, die diesen Zusammenhang bewiesen haben, sowie eine Flut von Ratgebern in dieser Richtung.
Dazu noch einmal Rudolf Steiner:
„Es ist jedoch für das innerste Wesen des Menschen von großem Nutzen, in Vorstellungen zu leben, die man nicht anschauen kann; und ebenso ist es nützlich in religiösen Vorstellungen zu leben, denn auch diese beziehen sich auf Dinge, die man eben nicht mit den Händen greifen kann, die sich nicht auf Äußeres, Materielles beziehen, die mit einem Wort sinnlichkeitsfrei sind. Das sind Dinge, die einst, wenn man wieder mehr auf das Spirituelle sehen wird, einen großen Einfluss auf pädagogische Prinzipien haben werden.5
Daher ist es so entscheidend den Kindern so viel wie eben möglich das Gefühl von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit und damit Liebe zur Mathematik zu vermitteln.
Wie ein solcher Unterricht praktisch gehandhabt werden kann, welche Grundlagen dafür gerade in den ersten Schuljahren wie gelegt werden können, soll in weiter folgenden Beiträgen aufgezeigt werden.
Literatur
1 Aaron Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997, S. 36.
2 Daher sollte man, wenn man den Verdacht auf eine Rechenschwäche/Dyskalkulie hat und einem Kind durch den Unterricht das Erlebnis, Anforderungen bewältigen zu können, nicht mehr vermitteln kann, nicht zu lange warten, bevor man zusätzliche Fördermöglichkeiten in Anspruch nimmt.
3 Rudolf Steiner, Welt, Erde und Mensch, GA 105, S. 36 f.
4 ebd., S. 37.
5 ebd.
6 ebd.
Dieser Beitrag erschien zuerst in derApril-Ausgabe 2026 von erWACHSEN&WERDEN



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