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  • Antje Bek

DIE Geimpften und DIE Ungeimpften


Foto: Zdeněk Macháček / Unsplash


Viele Menschen erleben - wie ohnmächtig -, dass die aktuelle Entwicklung zunehmend auf eine Spaltung der Gesellschaft hinausläuft. Wer nicht geimpft ist, wird mehr und mehr vom allgemeinen sozialen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wer geimpft ist, soll sein „altes Leben“ fortsetzen dürfen und zur Mitte der Gesellschaft gehören. Kann der Einzelne überhaupt etwas tun, um dieser Spaltung entgegen zu wirken?


DIE Ungeimpften

Die Ungeimpften werden dafür verantwortlich gemacht, dass Mitmenschen schwer an Corona erkranken, ins Krankenhaus eingewiesen werden, die Intensivstationen an ihre Kapazitätsgrenzen bringen oder Mitmenschen gar sterben. Sie sind ansteckender, erkranken heftiger und länger, versterben häufiger.


DIE Geimpften

Die Geimpften tragen dazu bei, dass sie selbst und ihre Mitmenschen weniger (schwer) an Corona erkranken, seltener ins Krankenhaus eingewiesen werden, sie helfen mit, dass die Intensivstationen nicht an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen und weniger Menschen an Corona versterben.


Grundlage für diese Ein- und Beurteilung von Menschen sind Zahlen und Statistiken, woraus wiederum die aktuellen Verordnungen bzw. Gesetze folgen. Der Unterscheidung dienen nicht äußerlich sichtbare biologische Merkmale, sondern eine Trennung aufgrund des zunächst unsichtbaren Impfstatus, der einen automatisch in die eine oder andere gesellschaftlich relevante Gruppe zuweist.


Menschenwürde

Jeder Mensch kann es als seine Würde verletzend erleben, wenn er generalisierend einer bestimmten Gruppe und den mit ihr in Verbindung gebrachten (Vor-)urteilen zugeordnet wird. Hier ein paar Beispiele: „Die Deutschen, die Türken, die Männer, die Frauen, die Schwulen, die Anthroposophen …“ Wir spüren deutlich, wie dies unseren ureigensten Bestrebungen entgegensteht: Wir werden auf ein Merkmal reduziert, das alles andere ausklammert, was uns als Individuum ausmacht.


Wenn ein Mensch allein aufgrund seines Impfstatus zu einem Gefährder seiner Mitmenschen gemacht wird, obwohl er z.B. noch nie einen anderen Menschen angesteckt haben kann, wenn er für unverantwortlich erklärt wird, weil andere wegen ihm im Krankenhaus liegen oder sterben, dann fühlt er sich als Individuum nicht gesehen. Das gleiche gilt, wenn ein Mensch, der sich hat impfen lassen, als Befürworter der Maßnahmen, als Befürworter der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Nicht-Geimpften, als verblendet oder als ein Mensch bezeichnet wird, der sich moralisch überlegen fühlt. Auch er empfindet sich als Individuum nicht gesehen, sondern lediglich als Teil einer zuvor definierten Gruppe.


Kategorisierung von Menschen im Zeitalter der Bewusstseinsseele

Die Abwehr solcher Zuweisungen ist im jetzigen Zeitalter der Bewusstseinsseele, in dem die Individualisierung des Menschen eine zentrale Aufgabe ist, durchaus verständlich und berechtigt. In den letzten Monaten konnten viele Menschen die erstaunliche Erfahrung machen, dass sie sich von Mit-Menschen, die sie schon lange und gut kannten, aufgrund ihrer Kritik an den Maßnahmen kategorisiert und von einem Tag auf den anderen nicht mehr in ihrer Individualität wahrgenommen fühlten. Befürwortern der Maßnahmen ist es an der einen oder anderen Stelle ähnlich ergangen.


DIE Geimpften und DIE Ungeimpften gibt es jedoch nicht, wenn man schärfer hinschaut. So ist es für einen Menschen, der nicht geimpft ist, verletzend zu hören, wenn über DIE Ungeimpften abfällig gesprochen wird. Genau so kann es für geimpfte Menschen verletzend sein, wenn auf eine herabsetzende Weise über DIE Geimpften gesprochen wird. Es besteht ein gewisser Unterschied insofern, als die eine Gruppe eine Mehrheit und die andere Gruppe eine Minderheit der Menschen umfasst, was wiederum eine Bedeutung für die möglichen Aufgaben bzw. Wirksamkeit des einen oder anderen Menschen haben kann.


Der Spaltung entgegenwirken

Wie bei allen Vorurteilen können wir uns selbst davon nicht ganz frei machen, sie steigen wie unwillkürlich aus unserem Seelenleben auf, denn die Kategorisierung von Menschen kann durchaus auch hilfreiche Seiten haben, um vorhandene Unterschiede zwischen Menschen überhaupt beschreiben zu können. Gefährlich wird es dann, wenn wir uns dessen bei der Begegnung mit anderen Menschen nicht bewusst werden und uns das Erleben des Individuums, des MENSCHEN im anderen verbauen, weil wir unsere (Vor-)Urteile nicht in Frage stellen können. Leichter als unsere Vorurteile können wir zunächst unsere Sprache [1] handhaben. Es gibt geimpfte und ungeimpfte Menschen, das ist eine Tatsache. Wir könnten uns selbst darin üben nicht von DEN Ungeimpften und DEN Geimpften zu sprechen. Damit würde jeder Einzelne durch einen kleinen Schritt beginnen, der fortschreitenden Spaltung der Gesellschaft, ja in gewisser Weise der Menschheit auf der Grundlage eines Impfstatus entgegen zu wirken.

[1] Es sei durchaus eingeräumt, dass diese Möglichkeit inzwischen an der einen oder anderen Stelle zur Verunstaltung der Sprache bzw. zur einer Art von „Political Correctness“ geführt hat, die als bevormundend erlebt werden kann.