• Antje Bek

Waldorf und Wissenschaft versus Geisteswissenschaft und Waldorf? - Gesagtes und Ungesagtes


Das April-Heft der Zeitschrift “Erziehungskunst” ist dem Thema “Wissenschaft und Waldorf” gewidmet, gleichzeitig hat mit diesem Thema deutlich eine neue Ära dieser Zeitschrift begonnen. Zum Ende des vergangenen Jahres verließ Mathias Maurer die Redaktion nach 33 Jahren Engagement für die Zeitschrift sowie die Waldorfpädagogik und Waldorfschulen. An dieser Stelle sei ihm herzlichst gedankt für seine unermüdliche, treue, kompetente, der Waldorfpädagogik dienende Arbeit, die immer wieder auch kontroverse und kritische Betrachtungsweisen ermöglichte!


Anthroposophie und Waldorfpädagogik in der Kritik

Die neue Redakteurin, Angelika Lonnemann (lt. Linkedin: “Öffentlichkeitsarbeit und PR, Bund der Freien Waldorfschulen”[1]), macht im Editorial der April-Ausgabe der “Erziehungskunst” berechtigterweise darauf aufmerksam, dass Waldorfschulen und anthroposophische Verbände in den vergangenen Monaten “teils sehr heftig angegriffen”[2] wurden. Dem will man mit dem aktuellen Heft begegnen “mit der Frage nach dem Verhältnis von Waldorf und Wissenschaft”[3]. Schon an dieser Stelle darf die Frage gestellt werden, inwiefern die öffentlich geübte Kritik überhaupt mit dem genannten Verhältnis der Waldorfpädagogik zur Wissenschaft zusammenhängt - zumal gerade seit Beginn der Krise sehr deutlich geworden ist, dass renommierte Wissenschaftler aus ganz anderen Bereichen ebenfalls heftig angegriffen und diffamiert werden. Wissenschaftlichkeit scheint also vor Kritik nicht mehr zu schützen. Es scheint aber im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen sowie in anderen Vertretern der Waldorfpädagogik die Überzeugung zu leben, dass mit einem Nachweis der Wissenschaftlichkeit der Waldorfpädagogik auch ihren Kritikern der Wind aus den Segeln zu nehmen sei.


Ziele der Kritik und Befürchtungen

So kommen in dem Heft verschiedene Professoren, namentlich der Alanus-Hochschule, zu Wort, allen voran Jost Schieren, der erst kürzlich durch seinen öffentlichen Aufruf zum Mord an Wladimir Putin auf sich aufmerksam machte. Er analysiert die aktuelle Situation auf ihre Kritiker hin und verdeutlicht, welche Ziele ein Blogger wie Oliver Rautenberg verfolgt, nämlich eine “Vernichtung der Anthroposophie und ihrer Lebensfelder”[4]. Zudem konstatiert Schieren: “Es gibt eine klare Absicht, Homöopathie und Waldorfschulen, wenn nicht zu verbieten, so doch von allen öffentlichen Finanzierungssystemen auszuschließen.”[5] Leider werden diese Aussagen nicht belegt, bezüglich der Homöopathie sind sie nachvollziehbar, sofern man die aktuelle Politik verfolgt. Wer an welcher Stelle „klare Absichten“ hat, die Waldorfschulen von allen öffentlichen Finanzierungssystemen auszuschließen, bleibt offen. Es verbergen sich in Schierens Äußerungen wohl eher Befürchtungen und Ängste, die auch den Verlautbarungen des Vorstandes des Bundes der Freien Waldorfschulen samt seines Vorgehens gegen maßnahmenkritische Kollegen, Eltern und Schulen zugrunde liegen: Der “Geldhahn” könnte abgedreht werden.


Wissenschaftlichkeit garantiert staatliche Finanzierung

Nun soll also die Wissenschaftlichkeit der Waldorfpädagogik die Waldorfschulen schützen, um deren staatliche Finanzierung weiterhin sicher zu stellen. Inwiefern dieses finanzielle (!) Ziel überhaupt erstrebenswert und der Waldorfpädagogik dienlich ist, wird nicht hinterfragt. Schieren kommt nun zunächst auf die Frage der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie zu sprechen: “Auf den Autobahnen der Wissenschaft kommt die Anthroposophie nur langsam voran (...). Eine wissenschaftliche Begründung und Validierung der Anthroposophie liegt in weiter Ferne”[6], so Jost Schieren. Welche Art von Wissenschaft ist überhaupt gemeint? Folgt man Schierens Gedankengang, hat die Anthroposophie in der von ihm verfolgten Wissenschaft erst dann einen Platz, wenn sie durch Forschungen und Studien auf Grundlage sinnlicher Wahrnehmungen validiert und durch entsprechende Verstandeserwägungen wissenschaftlich begründbar ist - ein mühsames Geschäft...


“Esoterikabstinenz” der Waldorfpädagogik - Rudolf Steiners “Ungesagte”

Dadurch entsteht selbstverständlich ein Problem für die Wissenschaftlichkeit der Waldorfpädagogik, deren Grundlage gerade die Anthroposophie ist. Hier macht Schieren nun einen eleganten Schlenker: Da der Waldorfpädagogik auch immer mal wieder unterstellt werde, sie “sei unwissenschaftlich, mystisch und esoterisch”[7], stellt er klar, dass Aspekte der Anthroposophie, die Belege für solche Unterstellungen sein könnten, von Rudolf Steiner in seinen pädagogischen Vorträgen gar nicht oder kaum erwähnt werden. “Es ist in diesem Zusammenhang gerade interessant, was Steiner nicht gesagt hat.”[8] Dazu zählt Jost Schieren, neben anderem, auch dessen inhaltlich “sehr differenzierte Lehre von Reinkarnation und Karma.”[9] Und weiter: “Reinkarnation und Karma haben (...) eigentlich keine substanziell inhaltliche Bedeutung, sie dienen lediglich als gedankliche Rahmung, um das freiheitliche Selbstbestimmungspotential, das der Ich-Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in Steiners Perspektive inne wohnt, zu denken.”[10] Waldorfpädagogik wird also ihrer wissenschaftlich nicht zu begründenden und zu validierenden Ansätze entkleidet und Rudolf Steiner selbst dafür herangezogen, dass dies ein durchaus berechtigtes, wenn nicht gar notwendiges und für das Ansehen der Waldorfpädagogik förderliches Vorgehen sei. “Diese deutliche - man kann sagen - Esoterikabstinenz in der Waldorfpädagogik macht es ihr leichter, sich auf dem wissenschaftlichen Parkett zu bewegen, als es in anderen Lebensfeldern der Fall ist, bspw. der biologisch-dynamischen Landwirtschaft(...).”[11] Mit der Waldorfpädagogik bewegt sich Jost Schieren nun bereits seit etlichen Jahren auf wissenschaftlichem Parkett - dorthin möchte sich jetzt also auch der Bund der Freien Waldorfschulen bewegen, um seine Institutionen zu schützen?


Rudolf Steiners “Gesagte

Nachdem Jost Schieren das “Nichtgesagte” von Rudolf Steiner heranzieht, soll nun im Folgenden auf das von Rudolf Steiner Gesagte eingegangen werden. Hierzu dient eine der wenigen pädagogischen Schriften Rudolf Steiners, da seine Vorträge stets auf die Anwesenden abgestimmt waren, seine Schriften sich aber an die breite Öffentlichkeit wandten und daher ein anderes Gewicht im öffentlichen Diskurs besitzen.


Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft

In seiner 1907 erschienenen Schrift “Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft” macht gleich der Titel darauf aufmerksam, dass es Rudolf Steiner gerade bei diesem Thema um Wissenschaftlichkeit geht. Im Text kommt er darauf zu sprechen, was er unter Geisteswissenschaft versteht, die er völlig anders charakterisiert als das, was universitär unter Geisteswissenschaft verstanden wird. Er spricht zunächst über die gewöhnliche Wissenschaft, die lediglich das gelten lässt, was den Sinnen wahrnehmbar ist. Für die Geisteswissenschaft, wie er sie versteht, ist jedoch die Entwicklung weiterer Wahrnehmungsorgane notwendig, deren Ausbildung jedem Menschen offen steht. Den Weg zu deren Entwicklung hat Rudolf Steiner in seinem Buch “Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?” beschrieben. Durch diese Wahrnehmungsorgane kann der Mensch „noch ganz andere Welten erkennen als diejenigen sind, die ihm zunächst die gewöhnlichen Sinne wahrnehmen lassen.”[12] Er kann dadurch zu Erkenntnissen kommen, die über die Erkenntnis des physischen Leibes hinausgehen, er kann Welten um sich herum wahrnehmen, die ein Mensch, der diese Organe nicht ausgebildet hat, nicht sieht - so wie ein Blinder keine Farben wahrnehmen kann. Diese Gedanken führt Rudolf Steiner zu Beginn seiner Schrift aus und begründet damit, dass er anschließend Seiten des menschlichen Wesens (Wesensglieder) beschreibt, die für unsere gewöhnlichen Sinnesorgane nicht vorhanden sind. Es kann einem deutlich werden, dass Rudolf Steiner selbst die dafür notwendigen Wahrnehmungs-Organe entwickelt hat, sodass er aus der direkten Anschauung über das Wesen weiterer Glieder der menschlichen Natur sprechen kann (Ätherleib, Asralleib, etc.). Auf Grundlage der Erkenntnis dieser Wesensglieder wird die gesamte Pädagogik entwickelt, die erst zwölf Jahre später den Namen “Waldorfpädagogik” erhält.


Geisteswissenschaft und landläufige Wissenschaft

Rudolf Steiner charakterisiert also die Wissenschaft vom Geiste als eine Wissenschaft, die die Grenzen der Erkenntnis der üblichen Wissenschaft erweitert und zwar mit Hilfe einer durchaus wissenschaftlichen Methode, da ihr überprüfbare Wahrnehmungen zugrunde liegen, sofern man die dazu notwendigen Organe ausgebildet hat. “Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, wie sich in diesem Punkte die Geisteswissenschaft unterscheidet von der landläufigen Wissenschaft der Gegenwart. Diese betrachtet die Sinneserfahrung als die Grundlage allen Wissens, und was nicht auf dieser Grundlage aufgebaut werden kann, hält sie nicht für wissbar. Was aber darüber hinausgeht, das lehnt sie ab und sagt davon, es liege jenseits der Grenzen des menschlichen Erkennens. Für die Geisteswissenschaft gleicht eine solche Ansicht derjenigen eines Blinden, der nur dasjenige gelten lassen will, was man tasten kann, und was aus dem Getasteten durch Schlussfolgerung sich ergibt, und der die Aussagen der Sehenden als jenseits des menschlichen Erkenntnisvermögens ablehnt.”[13]


Reinkarnation und Karma - lediglich eine gedankliche Rahmung?

Wie steht es nun in der erwähnten Schrift mit dem Gesichtspunkt “Reinkarnation und Karma”, der laut Schieren lediglich eine “gedankliche Rahmung” darstellt? Rudolf Steiner spricht in der “Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft” über die Entwicklung des Menschen und der Menschheit im Zusammenhang mit den von ihm übersinnlich wahrgenommenen Wesensgliedern. Diese Entwicklung sieht er eindeutig in Verbindung mit wiederholten Erdenleben, also mit dem Reinkarnationsgedanken: “Indem der Mensch von dieser Bildungsstufe aus durch die aufeinanderfolgenden Leben oder Verkörperungen zu immer höherer Entwicklung sich hindurchringt, arbeitet sein Ich die anderen Glieder um.”[14] Der gesamte Entwicklungsgedanke, mit dem sich Rudolf Steiner in dieser pädagogischen Schrift beschäftigt, hat ohne den Gedanken, ohne die Anerkennung der Tatsache von Reinkarnation (und Karma) gar keine Grundlage. Der Reinkarnationsgedanke ist also nicht nur eine gedankliche “Rahmung” für das Selbstbestimmungspotential der Ich-Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, sondern dessen Boden! Die individuelle und gesamtmenschheitliche Entwicklung, wie sie von Rudolf Steiner in seiner pädagogischen Schrift beschrieben wird, wäre ohne diesen zentralen Gedanken mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar und entbehrte jeglicher Logik.


Anthroposophie und Rudolf Steiner: Bereits vor 100 Jahren in der Kritik!

Bis heute wird das von Rudolf Steiner charakterisierte Verständnis einer Geistes-Wissenschaft (Anthroposophie) im akademischen Betrieb nicht anerkannt. Dies darf nicht verwundern, sondern ist allzu verständlich! Die Wissenschaft vom Geist kann durch einen universitären Betrieb nicht anerkannt werden, weil Wahrnehmungen der geistigen, der übersinnlichen Welt, wie sie durch entsprechende Schulungen von jedem erreicht werden könnten, damals wie heute keinerlei Berechtigung in einer materialistischen gestimmten Wissenschaft haben. Dies gibt auch Schieren offen zu. Es ist geradezu eine innere Notwendigkeit, dass Anthroposophie und auch die auf ihrer Grundlage entwickelte Waldorfpädagogik vom aktuellen akademischen Betrieb nicht als wissenschaftlich anerkannt werden können. Dazu müsste man ihren esoterischen Kern und ihre geisteswissenschaftlichen Grundlagen verleugnen, wie es Jost Schieren in seinem Beitrag versucht, und sie rein auf die gängige Praxis reduzieren.


Zur Aufgabe und Anerkennung der Geisteswissenschaft, die - wie der Titel der Schrift besagt – gerade der Gesichtspunkt für die daraus entwickelte Pädagogik ist, äußerte sich Rudolf Steiner vorausschauend sehr deutlich: “Sie kann sein ein Mitarbeiter an den wichtigsten Aufgaben der gegenwärtigen Menschheit, an der Entwickelung zu deren Wohlfahrt. Sie wird allerdings damit rechnen müssen, mancherlei Anfechtungen und Zweifel zu erfahren, wenn sie sich gerade eine solche Mission zuerkennt.”[15] Er selbst hat zu Lebzeiten im Übrigen immer wieder schmerzlich erfahren müssen, wie die Anthroposophie, aber auch seine Person, in der Öffentlichkeit kritisiert und diffamiert wurde.


Zukunftsimpulse aus dem esoterischen Kern

Es war und ist also weiterhin damit zu rechnen, dass heftige Kritik an der Anthroposophie geübt wird. Je materialistischer eine anerkannte Wissenschaft, aber auch die öffentliche Meinung ist, umso massiver wird die Kritik werden. Die Frage für die Zukunft der Waldorfpädagogik, aber auch für die Waldorfschulen, ist daher, wie mit der aktuellen “Radikalisierung der Anthroposophiekritik”[16] umzugehen ist? Ist es tatsächlich im Sinne Rudolf Steiners und im Sinne der Waldorfpädagogik ihre “Esoterikabstinenz” zu beweisen? Ist nicht gerade dies ihr Kern, ihre Grundlage, die es zu verteidigen gilt? Ist nicht dieser Kern gerade das, was Zukunftsimpulse bereit hält, die wir als Menschheit, die wir für eine menschengemäße Pädagogik, für Bildungseinrichtungen und für unzählige weitere Lebensfelder so dringend benötigen? Braucht es nicht gerade in der jetzigen Zeit Menschen, die sich mit diesem Kern verbinden, die genügend Rückgrat haben, um dafür auch öffentlich einzustehen?


Öffentlichkeitsarbeit und Wahrhaftigkeit

Das ist zugegebenermaßen für Menschen, die ihre Aufgabe in der Öffentlichkeitsarbeit anthroposophischer Institutionen als Imagepflege einer “Marke” verstehen oder die sich engagiert um wissenschaftliche Anerkennung bemühen, eine schier unlösbare Aufgabe. Aber worum wird es denn letztlich gehen? Um ein vermeintlich “gutes Image” oder um Wahrhaftigkeit und offensichtliche, spirituelle Zukunftsaufgaben? “Corona” hat vieles deutlicher ans Licht gebracht, dafür dürfen wir auch dankbar sein.

[1] https://de.linkedin.com/in/angelika-lonnemann-499b15209 [2] https://www.erziehungskunst.de/artikel/editorial/waldorf-hilft-ukraine/ [3] Ebd. [4] https://www.erziehungskunst.de/artikel/waldorf-wissenschaft/anthroposophie-in-der-kritik/ [5] Ebd. [6] Ebd. [7] Ebd. [8] Ebd. [9] Ebd. [10] Ebd. [11] Ebd. [12] Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, Dornach 1969, S. 12 [13] Ebd., S. 11 [14] Ebd., S. 15 [15] Ebd., S. 9 [16] https://www.erziehungskunst.de/artikel/waldorf-wissenschaft/anthroposophie-in-der-kritik/ Foto: Ashley Batz/Unsplash

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