• Antje Bek

Brauchen Kinder Erwachsene für ihre Entwicklung? Welche Rolle spielen Lehrer?



Foto: Rachel /Unsplash


„Die innere Geborgenheit ist wichtig für Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen, die eine äußere Geborgenheit brauchen, arbeiten.“ Iris Johansson [1]


Die oben gestellte Frage mag zunächst erstaunen, denn es scheint doch auf der Hand zu liegen, dass Kinder Erwachsene brauchen?! Schauen wir auf ein neu geborenes Kind, so offenbart sich seine ganze Hilflosigkeit gegenüber den irdischen Bedingungen, es ist existentiell darauf angewiesen gewärmt, genährt und gepflegt zu werden. Die entsprechenden Handlungen als solche reichen jedoch nicht aus, genauso existentiell ist der kleine Mensch auf verlässliche und hingebungsvolle Zuwendung angewiesen, nur sie führt zu einer Sicherheit und Geborgenheit vermittelnden Bindung. Der junge Mensch ist also in denkbar größtem Umfange vom Menschen abhängig.


Einleben in irdische Verhältnisse

Wie aber ist das Neugeborene geistig-seelisch gestimmt, wenn es den Planeten Erde mit der Geburt betritt? Wir dürfen uns klar machen, dass mit der Geburt endgültig eine Schwelle überschritten wird. Aus der geistigen Welt kommend atmet das menschliche Wesen die irdische Welt buchstäblich ein. Im jungen Menschenwesen klingt jedoch noch lange die Welt nach, aus der es stammt. Erst allmählich lebt es sich in die irdischen Verhältnisse ein und vergisst seine ursprüngliche Heimat, um sich schließlich in Freiheit seinen Erdenaufgaben widmen zu können.


Aus welcher Welt kommen die Kinder?

Wie aber können wir uns die Welt vorstellen, aus der das Kind kommt? Nehmen wir ein Neugeborenes wahr, so zeigt es neben seiner beschriebenen Hilflosigkeit ein grenzenloses Vertrauen: Keinerlei Argwohn, kein Misstrauen gegenüber den Menschen, die es auf den Arm nehmen und versorgen, unbedingte Hingabe an alles, wovon es umgeben ist. Es hat noch keine Möglichkeit sich abzuschirmen, weder gegen die Vielzahl der Sinneseindrücke, die nun auf es einprasseln, noch gegenüber den Wesen, von denen es umgeben ist. Es lebt in und mit allem mit. Wir können hier erahnen, wie das Leben in der geistigen Welt gewesen sein muss. Hingabe, Liebe, Vertrauen, Eins-Sein mit den Wesen, die uns umgeben. In dieser Welt treffen wir nicht nur auf andere menschliche Seelen, sondern auch auf Wesen, die sich auf einer höheren Entwicklungsstufe befinden als wir selbst, auf Wesen, die wir Engel nennen können. Vor der Geburt haben uns diese Wesen begleitet, haben mit uns gemeinsam unseren Lebensplan ausgearbeitet, haben uns Impulse gegeben.


Nahtodeserfahrungen als Fenster

Menschen, die Nahtodeserfahrungen gemacht haben, öffnen mit ihren Berichten immer mal wieder kleine Fenster in diese Welt. Anke Ewertz, die nach einem Brandunfall neun Tage im Koma lag, spricht in ihrem Buch „Neun Tage Unendlichkeit“[2] ganz konkret von der Begegnung mit einem solchen Wesen. Zunächst beschreibt sie es als Lichtgestalt, als ein grenzenloses Energiefeld, das weibliche und männliche Eigenschaften vereinigt, dessen Qualität reine Liebe ist. Dieses Wesen erlebt sie als von jeher mit sich verbunden. Es führt sie während ihrer Nahtoderfahrung zunächst durch die „neue“ Welt, zeigt sie ihr, „erklärt“ sie ihr, gibt ihr immer wieder Anregungen. Sie selbst bezeichnet dieses Wesen später als ihren Lehrer, der sie auf ihrem jetzigen Erdenweg weiterhin begleitet und mit dem sie nun bewusst in inniger Verbindung steht.


Was bedeutet es für ein geistiges Wesen wie den Menschen, wenn es mit der Geburt aus dieser Welt wie „herausgesetzt“ wird, sie aber immer noch in ihm nachklingt? In seiner Hingabe und Liebe sucht es nun auch im Irdischen nach eben solchen Wesen. Und wir Erden-Menschen setzen in gewissem Sinne zunächst einmal die Arbeit fort, die zuvor höhere Wesen geleistet haben, darauf ist das kleine Kind - wie beschrieben - existentiell angewiesen.


Was wünscht sich das Kind später im Alter von ungefähr 7 bis 14 Jahren vom erwachsenen Menschen für seine weitere Entwicklung? Mit dem Zahnwechsel verwandelt sich sein Verhältnis zur Umgebung grundlegend: Konnte es in den ersten Lebensjahren durch Hingabe an die ihn umgebenden Menschen, also durch Nachahmung, lernen, entwickelt es im Verlaufe der mittleren Kindheit ein eigenständigeres Innenleben. Es fühlt sich zunehmend getrennt von seiner Umgebung, erlebt aber anderseits, dass der Erwachsene auch ein Wesen mit eigener Innenwelt ist. Aus der völligen Hingabe an seine Mitwelt wird es nun in gewisser Weise befreit und kommt damit einen Schritt weiter auf dieser Erde an. Es bleibt jedoch weiterhin mit der Innenwelt der Erwachsenen innig verbunden, davon emanzipiert es sich erst im Verlaufe der Pubertät.


Was wünschen sich Kinder vom Erwachsenen?

In diesem Sinne wünscht sich das Kind Orientierung an einem geliebten Erwachsenen, um sich weiter entwickeln zu können. Seine große – unausgesprochene – Frage lautet: Wo finde ich einen solchen Menschen, dem ich gerne aus innerstem Antrieb nachfolgen möchte? Das ist tatsächlich heute eine sehr konkrete und aktuelle Frage. Sie bedeutet nämlich für den Erwachsenen zweierlei. Erstens: Will ich so eine in diesem Sinne vom Kind geliebte Wesenheit überhaupt sein? Will ich dem Kind überhaupt Führung und Orientierung geben? Und zweitens: Wie kann ich das sein? Was habe ich schon, dass ich das sein kann, und was müsste ich selbst noch in mir erwecken?


Wer kann Kindern Geborgenheit und Orientierung geben?

Es wird oft gesagt, dass Kinder heute anders sind, dass sie selbst schon sehr gut wissen, was sie wollen und was sie brauchen, dass sie auf vermeintliche „Autoritäten“ sogar wie allergisch reagieren. Sicherlich ist es so, dass die Kinder in vielerlei Hinsicht wesentlich wacher auf der Erde ankommen als noch vor Jahrzehnten. Die Frage sei jedoch erlaubt, ob es nicht sein könnte, dass sie gerade aufgrund dieser wesentlich stärkeren Sensibilität sofort bemerken, wenn sich in ihrer Umgebung nur wenige Menschen befinden, die ihnen im beschriebenen Sinne Orientierung geben wollen und können. Das Suchen der Kinder läuft dann ins Leere und sie müssen sich irgendwie selbst helfen. Wenn sie in diesem Alter erleben: Der Erwachsene weiß ja selbst nicht und fragt mich immer wieder, dann erleben sie keine Wesen um sich herum, an die sie sich anlehnen können. Dann sind sie auf sich selbst zurückgeworfen und fühlen sich alleine gelassen.


Wie können sie aufblühen, sich begeistern lassen, ihre Liebe schenken, wenn sie einen Erwachsenen in ihrer Umgebung finden, der ihnen all die Schönheiten dieser Erde zeigen kann. Einen Erwachsenen, der ihnen von großen und kleinen Wundern der Natur erzählt und von Menschen, die sich für die großen Menschheitsideale eingesetzt haben. Wie wunderbar, wenn ein Kind jemandem begegnet, der es im Verfolgen seines sich entwickelnden Interesses an der Welt unterstützt, Erwachsene, denen es immer wieder gelingt Interesse zu erwecken für die Welt, für künstlerische und handwerkliche Betätigung! Wie schön, wenn es an Menschen erfahren kann: Auch die lernen ja noch, auch die entdecken noch Neues, das ihr Interesse weckt, auch die entwickeln sich ja noch! Und: Mein Lehrer/meine Lehrerin hat ja auch Lehrer, in dem Sinne wie Anke Ewertz ihren Lehrer beschrieben hat, der Erwachsene schaut selbst auf zu höheren geistigen Wesen, die ihn begleiten und beraten möchten. Er befragt sie und steht in Beziehung zu ihnen, um selbst zu lernen. Der Erwachsene erlebt innere Geborgenheit und strahlt diese aus, Geborgenheit, die das jungen Menschenwesen noch außerhalb, sprich im anderen Menschen sucht.

[1] Thomas Pedroli: Gespräche mit Iris, Lernen in der vierten Dimension, Velbert 2018, S. 73 [2] Anke Ewertz, Neun Tage Unendlichkeit, München 2019


Dieser Beitrag erscheint demnächst in dem Buch:

Sabine Mänken (Hrsg.), Mütter der neuen Zeit, Band II - unterwegs zu neuem Lernen