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  • Antje Bek

Die Erziehungsfrage und die Zukunft der Menschheit

Aktualisiert: Mai 10

„Die große Frage für die Zukunft wird sein: Wie werden wir uns zu benehmen haben gegenüber den Kindern, wenn wir sie so erziehen wollen, dass sie als Erwachsene in das Soziale, das Demokratische, in das Liberale im umfassendsten Sinne hineinwachsen können? Und eine der allerwichtigsten der sozialen Fragen für die Zukunft, ja schon für die Gegenwart, ist einmal die Erziehungsfrage.“ [1] Rudolf Steiner am 9. August 1919 in Dornach





Foto: Johannes Plenio on Unsplash



Das soziale und gesellschaftliche Leben scheint aus den Fugen geraten zu sein. Die Aktion der Schauspieler „Alles dicht machen“ und die sich daran anschließende Diskussion, Kampagne und Diffamierung hat nun für jeden offensichtlich machen können, dass etwas in unserem Zusammenleben ganz und gar nicht mehr stimmt. Unsere Gesellschaft scheint in jeder Hinsicht am Ende zu sein. Aber wie soll es weiter gehen?


Es gibt Menschen, die Visionen haben, die Visionen für eine Zukunft der Menschheit haben, diese formulieren und publizieren. Genannt sei hier Klaus Schwab, der mit seinem Buch „The Great Reset“ (auf Deutsch „Der große Umbruch“) aus seiner Sicht die heutigen Zustände analysiert und Lösungsstrategien entwickelt. Freiheit und Initiative des Individuums haben in dieser Vision wenig Platz.


Gibt es auch andere Visionen? Gibt es Gedanken, Ideen wie das soziale/gesellschaftliche Leben gestaltet werden könnte, sodass es dem Wesen des Menschen, der ein geistig-seelisches Wesen ist, gerecht werden könnte? Eine solche Idee ist die der so genannten „Sozialen Dreigliederung des sozialen Organismus“, die von Rudolf Steiner formuliert wurde. Sie kann einerseits dem menschlichen Wesen, als einem Ich-begabten Wesen und andererseits dem Leben gerecht werden.


Schauen wir heute auf die Menschheit, so ist der Zustand, in dem wir uns als Menschheit befinden, ein Ausdruck unseres Denkens. Ein Denken, das den Menschen auf seinen physischen Leib reduziert, führt zur Angststarre, wenn dieser Körper durch eine Krankheit tatsächlich oder vermeintlich bedroht ist. Gelingt es dem Denken nicht, sich – auch im Angesicht einer bedrohlichen Krankheit – aus der zunächst ja durchaus berechtigten Angst zu befreien, weil es im Menschen nur das sieht, was es eben mit den Sinnen wahrnehmen kann, dann wird die Angst zum inneren Gefängnis. Ähnliches gilt für die Angst vor den Maßnahmen, der Dikatatur, Existenzvernichtung, Schließung der Institution, schlechter Presse etc. Die innere Enge, in die die Angst führt, spiegelt sich äußerlich in der Gefangenschaft, in der sich die Menschheit momentan befindet.


Vor 100 Jahren hat Rudolf Steiner immer wieder darauf hingewiesen, dass es ohne die Geisteswissenschaft (Anthroposophie) keine heilsame Umgestaltung des sozialen Lebens geben wird. Als eine entscheidende Frage in dieser Hinsicht hat er die Frage der Erziehung gesehen. Ohne dass das Schulwesen vom Staatswesen befreit wird, werde ein menschengemäßes Zusammenleben der Menschheit nicht möglich sein: „Es ist eine ernste Sache, denn ich sage Ihnen ja nichts Geringeres damit, als daß es ohne Geisteswissenschaft keine soziale Umgestaltung für die Zukunft gibt; aber das ist wahr.“ – und jetzt wird Rudolf Steiner ganz praktisch: „Sie werden niemals die Möglichkeit bekommen, die Menschen zum Verständnis zu bringen in einer solchen Weise, wie es notwendig ist in Bezug auf diese Dinge wie Intuition, Imagination, Inspiration, wenn Sie zum Beispiel die Schule dem Staate überlassen[2]


Heute – 100 Jahre später – können wir erkennen, wie wahr diese Aussage ist. Niemals in der Geschichte der Menschheit hat der Staat durch seine Gesetze und Verordnungen derart tief in das pädagogische Handeln der Lehrer eingegriffen, seien sie als Beamte so genannte „Staatsdiener“, seien sie als Lehrer Angestellte einer „Freien Schule“.


Gleichzeitig scheint sich das „System Schule“, wie wir es kannten, immer mehr aufzulösen. Mal sind die Schulen auf und die Hälfte der Klasse darf kommen (Wechselunterricht), dann ist sie wieder geschlossen und es findet Distanzunterricht statt. Die Schulpflicht scheint nicht mehr an die Anwesenheit in einem Schulgebäude gebunden zu sein, sondern eher an eine Testpflicht und das Tragen von Masken, das Bearbeiten von Arbeitsblättern oder die Teilnahme am Online-Unterricht. In manchen Bundesländer ist die Präsenzpflicht ganz aufgehoben.


Die Auflösung eines Systems, die in diesem Ausmaße bis vor einem Jahr noch undenkbar schien, hat dazu geführt, dass die Eltern selbst nun in weit größerem Maße als zuvor Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder übernehmen müssen bzw. auch können.


Um damit nicht alleine da zu stehen, bilden sich immer mehr Unterstützungsgemeinschaften, kleine Lerngruppen, außerschulische Angebote und Aktionen. Abseits des bisherigen Schulsystems entstehen neue Lernumgebungen und Lernorte, an denen die Bedürfnisse der Kinder vielleicht besser berücksichtigt werden können, als es momentan in den Schulen möglich ist.


Für unsere Zukunft als Menschheit wird es weiterhin entscheidend sein, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Gehen wir einmal von dem Gedanken aus, dass ein Mensch aus der geistigen Welt auf die Erde kommt, weil er in der geistigen Welt nicht mehr die Umgebung findet, die er benötigt, um sich weiterzuentwickeln. Er kommt mit bestimmten Voraussetzungen in der physischen Welt an, mit Voraussetzungen, die er aus vorangegangenen Inkarnationen mitbringt und mit Voraussetzungen, die er aus dem Vererbungsstrom von Mutter und Vater mitbekommt. Unter diesen Voraussetzungen will er seinen Lebensweg durchlaufen, um sich hier weiterzuentwickeln und mit den Früchten dieses Lebensweges wieder in die geistige Heimat zurückzukehren. Jeder Mensch hat im Vorgeburtlichen unter der Mitwirkung höherer Hierarchien einen Lebensplan ausgearbeitet, hat eine Mission, hat sich Aufgaben vorgenommen, die er auf der Erde verwirklichen will. Dass der Mensch im Laufe seines Lebens Anschluss an diese Impulse finden kann, hängt maßgeblich davon ab, in welcher Umgebung und mit welchen Menschen er aufwächst. Wird die Verbindung zur geistigen Welt durch eine materialistisch gestimmte Umgebung und Erziehung bereits in der Kindheit gekappt, dann wird es für den Menschen sehr schwer, diese in seinem späteren Leben wieder zu finden. Dies hat fundamentale Auswirkungen auf das gesamtgesellschaftliche soziale Leben.


Als zentral für das soziale Leben können die Ideale der französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ betrachtet werden. Diese Ideale sind keine abstrakten Erfindungen, sondern bereits in der Kindheit keimhaft veranlagt und treten im späteren Leben, wenn sie in der Kindheit berücksichtigt und entsprechend gefördert wurden, metamorphosiert, d.h. verwandelt, wieder in Erscheinung. Damit sie nicht - wie im Laufe der französischen Revolution - im Leben scheitern, ist es für den erwachsenden Menschen wichtig zu erkennen, in welchem Bereich des Lebens welches Ideal seine Berechtigung hat und gelebt werden kann. So findet das Ideal der Freiheit im Geistesleben, das Ideal der Gleichheit im Rechts- oder Staatsleben und das Ideal der Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben seinen jeweiligen Raum.


In einer Folge von weiteren Beiträgen soll es um die Frage gehen, wie erwachsene Menschen, die gegenüber Kindern eine verantwortliche Aufgabe übernommen haben, dazu beitragen können, dass wir als Menschheit mehr und mehr fähig werden diesen drei Idealen im Sinne der Dreigliederung des Sozialen Organismus nachstreben zu können. Es wird viel davon abhängen, ob die jetzige Generation von Kindern so aufwächst, dass sie im Erwachsenenleben noch in der Lage ist an ihre ursprünglichen Impulse anzuknüpfen.



[1] Rudolf Steiner, Die Erziehungsfrage als soziale Frage, GA 296, S. 17 [2] Ebd., S. 62