• Antje Bek

Die Erziehungsfrage und das Ideal der Brüderlichkeit im heutigen Schulsystem

„Denn nur aus diesen geistigen Welten kann dasjenige kommen, was der gegenwärtigen Menschheit Kraft geben kann, weiter den Lebenspfad als ganze Menschheit zu gehen.“ Rudolf Steiner[1]


Foto: Timo Stern /Unsplash


Dieser Beitrag soll den schon vor längerer Zeit angekündigten Abschluss einer fünfteiligen Reihe zur Frage des Zusammenhangs von Erziehung und sozialem Leben der Menschheit bilden.[2]


Fördern PädagogInnen durch ein vertieftes Verständnis für die Entwicklung des Kindes im 1. Jahrsiebt (ca. 0-7) dessen Nachahmungskraft, dann fördert dies gleichzeitig dessen Fähigkeit im späteren Leben dem Ideal der Freiheit des Menschen in berechtigter Weise nachzustreben.[3] Wird im zweiten Jahrsiebt- (ca. 7-14) dem gesunden Autoritätsgefühl des Kindes Nahrung gegeben, dann wird ihm ein Weg eröffnet im späteren Leben dem Ideal der Gleichheit der Menschen in berechtigter Weise nachstreben zu können.[4] In diesem Beitrag wollen wir uns dem jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren zuwenden.


Neue Fähigkeiten und Gefährdungen in der Jugendzeit

Mit Beginn der Pubertät erwachen in dem Jugendlichen neue Gefühle, Bedürfnisse, Triebe, aber auch Fähigkeiten. Es ist das Alter, in dem die Liebefähigkeit überhaupt erwacht, nicht nur die sexuelle Liebefähigkeit, sondern - wie es Rudolf Steiner nennt - die Kraft der allgemeinen Menschenliebe. Das Erwachen dieser Kraft ist allerdings auch Gefahren ausgesetzt. Eine Gefahr besteht darin, dass der junge Mensch nun beginnt sich nahezu ausschließlich mit sich selbst, mit seinen inneren und leiblichen Bedürfnissen, die naturgegeben aus seinem Körper aufsteigen, zu beschäftigen. Kommt dem Jugendlichen von der äußeren Umgebung wenig entgegen, das ihn mindestens genau so interessieren kann, dann kann sich diese (ausschließliche) Selbstbezogenheit verstärken und schließlich in das Erwachsenenleben hinein unreflektiert fortwirken.


Eine weitere Gefährdung soll anhand von Äußerungen junger Menschen erläutert werden: „Der Mensch ist das schlechtere Tier, denn das Tier hat wenigstens noch einen Selbsterhaltungstrieb.“ „Die Welt wäre besser, wenn es den Menschen nicht geben würde.“ Diese Aussagen, die mir mehrfach entgegenkamen, stehen im Zusammenhang mit dem Bewusstsein junger interessierter Menschen um den Zustand unserer Erde: Der Mensch hat die Erde zerstört, auf der die jungen Menschen gerade erst angekommen sind. Die beste Lösung wäre also, dass der Mensch, sprich auch der Jugendliche, von der Erde verschwindet. Durch die aktuelle Krise ist den Jugendlichen weiterhin vermittelt worden: „Du selbst gefährdest andere Menschen. Isoliere Dich. Bedecke Dein Gesicht. Halte Abstand. Lass Dich impfen. Schütze andere Menschen.“ Dieses Verhalten, das uns vom anderen Menschen trennt, wird verbunden mit der Aufforderung: „Sei solidarisch.“ -


Sehnsucht nach einer anderen Welt

Eine aktuell veröffentlichte Studie[5] der Donau-Universität hat nun erschreckende Ergebnisse zu tage gefördert: 20% der Schülerinnen und 14% der Schüler leiden unter suizidalen Gedanken, 62% der Mädchen und 38% der Jungen weisen eine mittelgradige depressive Stimmungslage auf. Diese Ergebnisse unterstreichen Beobachtungen, die auch Kinder- und Jungendtherapeuten bzw. Jugendpsychiatrien machen. Was bedeuten diese Ergebnisse denn, wenn man sich einmal in die innere Verfassung der Jugendlichen hineinversetzt? - Sie wollen nicht auf dieser Erde bleiben. Das, was sie hier erleben und erfahren, löst in ihnen Gefühle der Ohnmacht und Sinnlosigkeit aus. Die eigenen Erfahrungen in der geistigen Welt, aus der sie ursprünglich stammen, liegen noch nicht so lange zurück. Davon scheinen sie hier auf der Erde nichts wiederzufinden. Sie finden einen von ihren Vorfahren zerstörten Planeten vor und müssen nun auch noch „erkennen“, dass sie selbst eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen. Wenn diese Erlebnisse zusammenfallen mit der erwachenden Kraft der allgemeinen Menschen- und Weltenliebe, wird deutlich, wie gefährdet dieses junge Pflänzchen ist und wie sehr es sich gerade in dieser Zeit nach echter Nahrung sehnt! Es lässt aber auch verständlich werden, warum gerade Jugendliche alles tun wollen, um andere Menschen nicht zu gefährden und daher ganz besonders auf die Einhaltung der Regeln bestehen können. Gerade auf diese Weise möchte sich die erwachende Menschenliebe betätigen.


Sehnsucht nach dem Geist in der Welt

In den Beiträgen zum ersten und zweiten Jahrsiebt wurde bereits versucht zu verdeutlichen, dass die Kinder als geistig-seelische Wesen auf die Erde kommen und sich hier beheimaten möchten, um an der Weiterentwicklung von Menschheit und Erde mitzuarbeiten. So lebt in vielen Jugendlichen ein tiefes, häufig auch unbewusstes Bedürfnis nach Spiritualität oder sie hatten selbst bereits spirituelle Erlebnisse (z.B. mit verstorbenen Angehörigen), die sie aber nicht einzuordnen wissen. Kommt ihnen nun ein Menschen- und Naturverständnis entgegen, das die seelische und geistige Seite völlig ausklammert oder gar verneint, dann kann sich der junge Mensch nur abwenden oder davon ausgehen, dass mit ihm selbst etwas verkehrt ist. Das steht der Entwicklung einer allgemeinen Menschen- und Weltenliebe allerdings deutlich entgegen. Wie aber kann diese dennoch im jungen Menschen erwachende Kraft gefördert werden?


Liebe und Interesse

Liebe wird gefördert durch Interesse. Das, wofür ich mich interessiere, kann ich auch lieben lernen. Das, was ich liebe, interessiert mich auch. Daher ist es für das 3. Jahrsiebt so entscheidend, dass durch alles, was dem Jugendlichen durch die Außenwelt entgegengebracht wird, auch sein Interesse geweckt wird. „…wirkliches Interesse zu erregen für die Welt, für die Welt im weitesten Sinne“[6], so Rudolf Steiner 1922 in einem Vortrag für die Lehrer[7] der ersten Freien Waldorfschule in Stuttgart. Aber wie kann das gelingen? Freude macht es ihnen, wenn sie beginnen Zusammenhänge zu verstehen, auch Zusammenhänge mit Dingen, die sie in der vorangegangenen Schulzeit zunächst bildhaft aufgenommen haben. Aber auch Zusammenhänge zwischen dem Kleinsten und dem Größten. Rudolf Steiner gibt dafür als Beispiel die Behandlung einer Zelle, die wie ein kleiner Kosmos betrachtet werden könnte. Durch das Herausarbeiten von Zusammenhängen, von kleinen und großen, findet in den Jugendlichen etwas Resonanz, was sie – mehr oder weniger unbewusst – gefühlsmäßig als Fragen durch ihr Leben tragen.


Kam es im 2. Jahrsiebt insbesondere auf das Wirken des Lehrers durch seine authentische Persönlichkeit an, geht es nun um folgendes: „Aber wenn nun auch der Schüler selber dasjenige, was er als Frage innerlich erlebt nicht formulieren kann – der Lehrer muss imstande sein, diese Frage zu formulieren, sodass die Formulierung zustande kommt, und er muss imstande sein, das Gefühl zu befriedigen, das beim Anlass dieser Frage im Schüler auftaucht.“ Und es kommt nun alles darauf an, mit welchem Interesse, aber auch mit welcher Tiefe sich der Lehrer selbst mit den latenten Fragen der Schüler, aber auch mit den Unterrichtsinhalten, die er behandeln möchte, auseinandergesetzt hat. Leben in dem, was er sich da erarbeitet hat, größere Zusammenhänge, Zusammenhänge mit auch geistigen Wirksamkeiten? Taucht der Mensch als ein dem Geiste entstammendes Wesen auf? Oder geht es letztlich um die Vermittlung eines rein materialistisch-mechanistischen Weltbildes, wie es etwa den der Öffentlichkeit vermittelten Lösungsstrategien für die Klima- und Umweltfragen oder Gesundheitsfragen inne wohnt? Die Folgen, die letzteres haben wird, hat Rudolf Steiner 1922 so beschrieben: „Wenn der fünfzehn-, sechszehnjährige Mensch (…) dasjenige, was man durch die heutige Astronomie und Astrophysik lernen kann, wenn er also bloß diese Vorstellung vom Kosmos in seinen Schädel hineinbekommt, dann wird er eben in sozialer Beziehung ein solches Wesen, wie es die heutigen Zivilisationsmenschen sind, die eigentlich aus dem Antisozialen heraus brüllen nach allen möglichen sozialen Einrichtungen, aber in ihren wirklichen Seelenkräften eben durchaus das Antisoziale zum Ausdruck bringen.“ Der junge Mensch kann an einem materialistischen Weltbild kein wirkliches Interesse und daher auch keine wirkliche Liebe zu Mensch und Welt entwickeln, weil sie ihm geist- und seelenlos erscheinen müssen. Die Entwicklung allgemeiner Menschenliebe jedoch, wie sie ab dem Jugendalter möglich wird, bildet erst die Voraussetzung dem Ideal wahrer Brüderlichkeit später bewusst nachstreben zu können.


Brüderlichkeit

Brüderlichkeit sieht im anderen Menschen den Menschenbruder, den Weg zu ihrer Verwirklichung beschreibt Rudolf Steiner im so genannten sozialen Hauptgesetz: „Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.“[8]


Das Feld, auf dem wir diese brüderliche Haltung vor allem erüben können, ist das des Wirtschaftslebens. Wenn wir in dieses soziale Feld hineinschauen, können wir erkennen – auch selbsterkennend -, wie sehr gerade dort die entgegengesetzte Stimmung, also Egoismus vorherrschend ist und „Freiheit“ ausgelebt werden will; dies führte und führt zu elenden Zuständen von großen Teilen der Menschheit, aber auch der Erde selbst.


Blicken wir darauf, was das heutige Schulsystem von den Jugendlichen fordert, können wir erkennen, dass weniger das Welt-Interesse als der Egoismus des einzelnen befördert wird. Es geht darum, Anforderungen zu erfüllen, Kompetenzen zu entwickeln, Punkte zu sammeln, sich Stoff für Prüfungen anzueignen und gute Abschlüsse zu erreichen, um später einmal genug Geld verdienen zu können. Ob und wie sich der junge Mensch mit diesen Anforderungen verbinden kann, spielt keine Rolle, wenn er denn nur die Erwartungshorizonte erfüllt. Was für die Prüfungen – ohne sich wirklich damit verbunden zu haben – gelernt wird, wird meist ebenso schnell wieder vergessen. Insbesondere in Zeiten zunehmender Digitalisierung und der damit verbundenen Faszination für (junge) Menschen wäre es umso wichtiger, wenn in Schule, Ausbildung und Hochschule Menschen tätig sind, die durch ihr Können und ihre Kenntnisse junge Menschen wirklich zu fesseln vermögen, die ihr Interesse an der Welt und ihre Liebe zum Menschen erwecken können.



[1] Rudolf Steiner, GA 296, S. 9 [2] s. https://www.antje-bek.de/post/die-erziehungsfrage-und-die-zukunft-der-menschheit, https://www.antje-bek.de/post/die-erziehungsfrage-und-die-zwei-seiten-der-sozialen-dreigliederung, https://www.antje-bek.de/post/die-erziehungsfrage-und-das-ideal-der-freiheit, https://www.antje-bek.de/post/soziale-dreigliederung-vom-autorit%C3%A4tsgef%C3%BChl-zum-ideal-der-gleichheit, [3] s. https://www.antje-bek.de/post/die-erziehungsfrage-und-das-ideal-der-freiheit [4] s. https://www.antje-bek.de/post/soziale-dreigliederung-vom-autorit%C3%A4tsgef%C3%BChl-zum-ideal-der-gleichheit [5]https://advance.sagepub.com/articles/preprint/Mental_health_burden_of_high_school_students_1_5_years_after_the_beginning_of_the_COVID-19_pandemic_in_Austria/17260130/1 [6] Rudolf Steiner, GA 302a, S. 77 [7] Wegen der besseren Lesbarkeit wird im folgenden nur die männliche Form verwendet, die weibliche soll aber stets als mitgemeint verstanden werden. [8] Rudolf Steiner, GA 34, S. 213,